Thomas Siffling Trio fabrizierte im Metro lässigen Groove-Jazz mit nonchalanter Eleganz


Kiel – Wie eine Trompete zu spielen ist, dafür gibt es keine neuen Regeln – doch zentnerschwer lastet die Vergangenheit auf jedem Neuling, spuken Heroen wie Louis Armstrong, Miles Davis oder Dizzy Gillespie in den Ventilen umher. Umso verblüffender, wenn aus Mannheim immer stärker eine Stimme durchklingt, die aufhorchen lässt.
Thomas Siffling vollführt ein melodienahes Singen auf dem Blechblasinstrument, unter Beweis gestellt beim Konzert im Kieler Metro.

Er gehört zu jener Generation von Jazz-Musikern, die sich dem technischen Fortschritt nicht verweigert und unverkrampft mit der Zeit geht. Begleitet von Jens Loh (Kontrabass) und Jochen Weiß (Schlagzeug) aus Stuttgart fabriziert Siffling lässigen Groove-Jazz mit nonchalanter Eleganz, oft nur auf einem Thema aufbauend. Ohne Harmonieinstrument schöpft das Trio seinen Reichtum vor allem aus dem Nicht-Vorhandenen, aus den Noten, die nicht gespielt werden, aus den Harmonien, die nur im Kopf entstehen.

Dazu sind alle drei in der Lage: Ein druckvoll akzentuierter Bass treibt wie bei Change Your Mood den Song nach vorne, das stoische Schlagzeug agiert schnörkellos. Darüber improvisiert Siffling, voll lebendiger Aktionslust, doch immer dem Zufall als Ideengeber verbunden und stark am Sinnlichen orientiert. Denn auch ambiente Passagen vermag er mit dem nötigen Gespür für die Stimmung wiederzugeben. Hier wirkt besonders das Flügelhorn – gegenüber der Trompete zwar mit weniger Strahl, aber wesentlich mehr Klangwärme ausgestattet. Exemplarisch der Song Entspannung im Dampfbad, bei dem das Publikum die Zitrus-Schwaden quasi an sich vorüber ziehen sieht, aus dem sich nach und nach ein Bassthema herausschält. Da bleibt unklar, ob die Band die Trompete grundiert oder der Trompeter die Rhythmusspur mit ein paar Farbspritzern dekoriert. Füße wippen, Köpfe nicken im Beat, die Konzert-Premiere des Metro ist geglückt. Für das Publikum ein ungewohnter Blick, aber sicher auch für die Musiker auf der Bühne, die einer Big Band Platz böte.

Dass Musik nicht nur ein Ohrenschmaus ist, sondern weit über das Hören hinausgeht, will das Projekt "music – hören und sehen" zeigen. Verschiedene Kunstformen paaren sich, wenn Bandsound und Konzert-Momentaufnahmen des Kieler Fotografen Andreas Oetker-Kast aufeinander treffen. Siffling fasst es lapidar zusammen: "Erst ein schönes Konzert, dann schöne Bilder." Durch die kleinen Abbildungen der Ausstellungsfotos auf der riesigen Leinwand geht die besondere Magie jedoch etwas verloren.Den zeitgenössischen Trompeter erkennt man daran, dass er vielfach auf die Knie muss, um einen Haufen elektronischer Zauberkästchen zu bedienen. Doch bietet die Elektronik den Vorteil, den Sound in einen anderen Kontext zu hieven. Die Trompete wird durch die Effekte zum elektronischen Instrument, Loops und Delays auf der Basis des eigenen Tonmaterials erweitern deutlich das Spektrum des Trios. Bei The Energy of a Small Woman werden so Klangwälle durch aufeinander geschichtete Tonintervalle erzeugt, bei Endlos entsteht eine elegische Atmosphäre durch Sifflings weichen Blasansatz und Jochen Weiß' behutsame Percussion-Arbeit nur mit Hilfe der Hände.

Das aktuelle Album Kitchen Music soll einerseits Hintergrundmusik und Easy Listening beim Kochen sein, andererseits aber auch bewusstes Zuhören nach dem Essen ermöglichen. Ein Spagat, den das Siffling Trio meistert. Im Foyer hängen die Konterfeis der internationalen Jazz-Prominenz: B.B. King, Pat Metheny, Lizz Wright oder Nils Landgren – Thomas Siffling ist auf dem besten Wege, sich eines Tages auch in dieser illustren Gesellschaft wieder zu finden.

Von Henrik Drüner

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