Till Brönner und Band bewiesen im Kieler Schloss spielerische Sicherheit und improvisatorische Freiheit

Er spielt, wie es ihm gefällt

 

Kiel - Er lässt sich einfach nicht festlegen. Von Veröffentlichung zu Veröffentlichung hüpft Till Brönner von Stil zu Stil, präsentiert sich mal als Traditionalist, mal als innovativer Hipster. Und wer geglaubt hatte, der singende Trompeter würde sich auf der Rio-Tour überwiegend seinem aktuellen Bossa-Album widmen, der wurde im nahezu ausverkauften Kieler Schloss eines Besseren belehrt.

Es ist ein wiederkehrendes Bild, das sich vom Konzert eingebrannt hat: Der kurze Moment, wenn einer der Bandkollegen in solistische Virtuositäten abdriftet, Brönner sich im braunen Samtjackett lässig auf einem Barhocker platziert und still in sich hinein lächelt. Weil ihn seine Band, bestehend aus Pianist Daniel Karlsson, Gitarrist Johan Leijonhufvud, Bassist Dieter Ilg, Schlagzeuger Wolfgang Haffner und Perkussionist Roland Peil auch beim Abschluss der Tour mit ihren instrumentalen Fähigkeiten überraschen kann? Weil acht von neun Konzerten ausverkauft waren? Weil er im Grunde machen kann, was er will?

Das zweigeteilte Programm spiegelt in seiner Mischung jenes polarisierende Moment, das Till Brönner in seinem Repertoire ausstrahlt: funky Groove-Jazz, glatt gebügelter Pop mit Jazz-Versatzstücken, rührselige Balladen oder Smooth-Jazz. Easy Listening auf hohem Niveau. Atmosphärische Elemente betonen die Filmmusik-Songs "Condor!" (aus "Die drei Tage des Condor") und "The Moment (aus "Jazz Seen" über den Jazz-Fotografen William Claxton).

Die Tendenz zur Reduzierung des harmonisch Gewagten und ein gleichzeitiger Hang zur rhythmischen Begradigung sind definitiv vorhanden, aber nicht verwerflich. Zu überzeugend agieren Brönners Begleitmusiker. Wolfgang Haffner, dessen Motor wie gewohnt schnurrt, beweist an den Drums absolute Akkuratesse, ebenso Roland Peil inmitten eines Percussionisten-Warenlagers, in dem er wie enthemmt um sich schlägt, drückt und klopft. Auch die Melodiker, Karlsson an Flügel, Fender Rhodes und Synthie sowie Leijonhufvud mit prägnantem Picking-Stil, bekommen Raum zur Entfaltung und geben dem Bandleader gleichzeitig freie Hand für sein Spiel.

Was wurde nicht schon alles über Brönners Trompeten-Ton geschrieben: Über sein fein nuanciertes Ausdrucksspektrum, die eleganten Linien, die mühelose Logik und der inspirierte, dennoch samtige und lyrische Ton. Sicher ist: Till Brönner hat die spielerische Sicherheit und die improvisatorische Freiheit, an der Trompete sämtliche Ideen umsetzen zu können. Anders beim Gesang. Leonard Cohens Rührstück "In My Secret Life" vermag er mit gehauchter Stimme empfindsame Klänge zu entlocken, ähnlich Chet Baker, an dessen Ton und Timbre Brönner immer wieder gemessen wird. Doch er ist kein Sänger, sondern ein begnadeter Trompeter, der singt.

Nach Eddie Harris' "Boogie Woogie Bossa Nova" führt uns Till Brönner auf einen Kurztrip nach Rio und zeigt seine Souvenirs, seine Portugiesisch-Kenntnisse und den Koffer voll bestätigter Klischees. "Café Com Pão" von João Donato und "A Ra", bei dem das Kieler Publikum als Gesangstütze seine norddeutschen Wurzeln untermauert, sind die einzigen Beiträge vom "Rio"-Album. Umso mutiger, neben "Your Way To Say Goodbye" auch Frosch Kermit mit dem schrullig-sympathischen "It's Not Easy Being Green" in den Zugabenblock zu packen. Oder: Ausdruck der Freiheit, alles machen zu können.

KN-Online