Tim McMillan im Subrosa - Von enormer spielerischer Reife


Kiel – Es hatte teilweise Anflüge einer musikalischen Epiphanie. Denn wer konnte vorher erahnen, dass an diesem Abend im Subrosa ein absoluter Ausnahmegitarrist und passabler Sänger samt Begleitung konzertieren würde, zudem bei einem Eintritt, der lediglich auf einer Hutspende beruhte? Tim McMillan aus Melbourne machte es möglich. Ein Angeber? Nein, ein Könner.

Lange, schlanke Finger fliegen über den Gitarrenhals, greifen zur rechten Zeit an die richtigen Stellen der Bünde, dämpfen die Saiten und erzeugen wunderschöne Klänge. Eingängige Melodiebögen, gewitzte Instrumentalfiguren und griffige Akustikriffs bündeln sich zu einer instrumentalen Lehrstunde. Sicher, der grundsympathische McMillan hat bereits Preise gewonnen, unter anderem den „Cole Clark + Ben Harper Guitar Award“. Und man hätte bereits 2006 auf ihn aufmerksam werden können, als er mit der Folkpopband Naked Raven auf Europatour ging. In der Live-Situation lässt diese spielerische Reife jedoch alle Anwesenden entzückt staunen.

Ähnlich dem Multi-Kulti-Schmelztiegel seiner australischen Heimatstadt verkörpert auch sein Stil ein vielseitiges, fast eklektisches Gitarren-Gemisch, beeinflusst von Folk, Klassik, Latin Jazz, Flamenco und Blues. In der Trio-Besetzung mit Andie Kate (Teilzeitbassistin, Gesang) und Rohan Drew (Percussion, Bass) präsentiert der Australier Songs seines aktuellen Albums Afterparty sowie viel ungehörtes, teilweise noch unbenanntes Material.

Überwiegend instrumental gehalten, drängen sich die Lieder nicht auf und erfordern dementsprechend Konzentration, ermöglichen aber ungeahnte Rezeptionstiefen. Als hätte er mit dem komplexen Saitenspiel nicht genug zu tun, beklopft McMillan eine Percussionbox als Stuhlersatz. Den rechten Schuh hat er ausgezogen, um den Fuß-Schellenkranz besser bedienen zu können. Und wenn es ihn überkommt, lässt er die Gitarre rotieren im Stile einer Eskimorolle, grundiert durch den vergleichsweise plump wirkenden Bass in seiner stoischen Viertelfrequenz. Ein feinsinniger, gehauchter Gesang dient nicht als Wortschwall in Form von Strophen und Refrains, er unterstützt die instrumentale Erzählform als ein weiteres Klangelement. "Blackout", "Goat Song" oder "Sunset Maze" sind formidable Kompositionen mit lyrischem oder perkussiven Charakter.

Doch Tim McMillan kann auch fremde Songwriter zum Erblühen bringen: "Samba Triste" von Baden Powell, Yann Tiersens populäres Thema aus dem "Amélie"-Soundtrack und zum Abschluss die Led-Zeppelin-Schwarte "Stairway To Heaven" – nur dass McMillan besser Gitarre spielt als Jimmy Page. Vermessen? Nein, vermutlich die Wahrheit.

--------------------------------------------------------------------------------
Im Internet finden Sie diese Meldung unter der URL:
http://www.kn-online.de/artikel/2332393