Tom Gaebel

Beim Versuch, neben den übermächtig großen Fußstapfen von Frank Sinatra seine eigenen Spuren zu hinterlassen, ist schon so mancher Sänger ins Straucheln geraten. Tom Gaebel, der Kölner Sänger, Entertainer und Bandleader, entzieht sich auf seinem vierten Album „Music To Watch Girls By“ (Telemedia Music/Indigo) einem direkten Vergleich. Seine Hommage an Easy Listening ist umso mehr ein weitgehend unbeschwertes Vergnügen.

„Es ist mit Abstand mein Lieblingsalbum.“ Er muss das sagen – als Medien-Profi. Er darf das sagen – als Mensch und Musiker. „Ich war diesmal noch stärker an dem Endprodukt beteiligt als in der Vergangenheit“, so der 35-jährige Crooner. „Im eigenen Studio hatte ich Zeit, mich auszutoben, das umzusetzen, was mir eigentlich vorschwebte. Konkret ging es um die Frage, warum mir alte Sachen immer besser gefallen als neue.“ Entscheidet nur der Sound, oder spielen noch andere Faktoren eine Rolle? „Alle reden von Vintage und Old School, aber es ist gar nicht so einfach, diesen typischen Klang hinzubekommen. Insofern bin ich sehr zufrieden mit dem Resultat.“

Der Charme einer Aufnahme, dieses gewisse Augenzwinkern, ergab sich beispielsweise durch die Reduzierung bei der Mikrofonierung, indem nicht jedes der Blasinstrumente einzeln abgenommen wurde. „Man muss sich trauen, nicht den perfekten Klang zu erzielen. Das schönste Mikrofon bringt dir nichts, wenn du nicht schön reinsingen kannst.“ Überrascht zeigt sich Gaebel, wie unfassbar man übertreiben muss, um gesangliche Emotionen deutlich rüberzubringen. „Auf dem Weg durch Mikro und Boxen geht anscheinend sehr viel verloren. So was muss man lernen, und dann wird es selbstverständlich.“

Den CD-Einstieg mithilfe des Titelsongs hat Gaebel ganz bewusst gewählt. „Music to Watch Girls By“ komponierte Bob Crewe 1967 und trug – neben Herb Alpert & The Tijuana Brass und Hugh Masekela – maßgeblich zur Etablierung von groovigem Instrumentalpop bei. Gaebel: „Da weiß man nach zehn Sekunden, ob einem die CD gefallen wird oder nicht. Sozusagen voll auf die Zwölf, was den Charakter des Albums betrifft.“ Denn zum einen wird dieser Stil in den späten 60er-Jahren durch das Instrumentarium aus Bläsern, Flamenco-Gitarre und Percussion geprägt. Zum anderen zieht sich meist eine sehr lebenslustige und positive Atmosphäre durch die relevante Diskografie.

Eine Steilvorlage für den selbst ernannten Mr. Good Life, den Gute-Laune-Mann Gaebel. „Ich bin auf der Bühne nicht der düstere Visionär, das stimmt schon. Mir macht es Spaß zu unterhalten. Insofern hab ich auch kein Problem damit, meine Musik als Unterhaltungsmusik zu bezeichnen.“ Tom Gaebel ist ein echter Entertainer: Er singt nicht nur – er erzählt Anekdoten, spielt zudem Schlagzeug und greift zur Posaune. „Das ist auch eine Kunst.“

Die Basis dieser multiplen Talente legte der gebürtige Gelsenkirchener schon in seiner Kindheit: Zwölf Jahre klassische Geigenausbildung und diverse musikalische Ausflüge führten schließlich zum Studium in Amsterdam, Hauptfach Jazzgesang. Auf den bisherigen Alben „Introducing: Myself“ (2005, noch unter seinem richtigen Namen Tom Gäbel), „Good Life“ (2007) und „Don’t Wanna Dance“ (2008) dominierte ein glamouröser Sound in der Verbindung aus swingender, charmant sonorer Bariton-Stimme und dem üppigen Klang der zehnköpfigen Big Band. „Music To Watch Girls By“ erinnert nun nicht nur an die goldenen Zeiten der großen Swing-Orchester mit Bing Crosby, später Frank Sinatra, Nat King Cole und Tony Bennet, sondern auch an das London in den „Swinging Sixties“.

Als popkultureller Referenzpunkt drängen sich die drei Teile der „Austin Powers“-Filmreihe auf, in denen Burt Bacharach mehrere Kurzauftritte hat. Verzerrte Gitarren bei der Beatles-Interpretation von „I Saw Her Standing There“, Big-Band-Elemente und die Opulenz der Klassik ergänzen sich somit auf dem Album mit fünf Eigenkompositionen kongenial. Laut Gaebel sind die Grabenkämpfe zwischen den Genres bei jüngeren Musikern ohnehin beendet: „Anfang der 80er wäre man mit einer Big Band und einem Sänger im Smoking wohl noch mit Tomaten beworfen worden.“

Drei Komponenten hatten entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der aktuellen Platte: Bruder Denis half bei der Songauswahl und dient seit jeher als konstruktiver Kritiker. Dirigent und Arrangeur Dietmar Mensinger, der zuvor für die WDR Big Band das Album „Hilde (Heike Makatsch singt Hildegard Knef)“ bearbeitete, ist für Gaebel der „größte Zugewinn“: „Wir konnten uns oft kurzfristig treffen und so den Prozess viel schneller vorantreiben. Er kann sich super reingedacht und eine durchgehende Linie erzeugt.“ Und letztlich prägte auch der Musiker-Pool aus der lebendigen Kölner Jazz-Szene: „Zum Glück hab ich viele gute und nette Leute um mich rum. Wenn Schlagzeuger Florian Bungardt ausfällt, weiß ich sofort, wen ich als Ersatz anrufen kann. Ein unverbindlich festes Kollektiv, das jedoch nicht verpflichtet ist, seinen Kalender für mich freizuhalten.“

Tom Gaebel ist sich bewusst, dass er trotz aller Unterstützung seinen Kopf hinhalten muss, wenn die Platte verrissen wird. Und er ist ebenso verantwortlich für sein Image als Crooner. Mit all den durchlebten Höhen und Tiefen, längeren Auszeiten und einem unsoliden Lebenswandel. Ein Image, wie es sein Lieblingssänger Frank Sinatra praktizierte. Ob das Klischee stimmt, dass man als Crooner einen Song besser interpretieren kann, wenn man die Schattenseiten des Lebens kennt, darauf möchte sich Tom Gaebel nicht festlegen. Doch er räumt ein: „Es würde mir sicher guttun, wenn ich mal die Extreme ausloten würde. Aber im Kleinen passiert das ja eh jedem.“