Immer mit ganz viel Gefühl - Tommy Reeve auf der NDR-Bühne

 

Kiel - Wenn man es nicht besser wüsste, würde man Tommy Reeve für einen lupenreinen amerikanischen Popstar halten. Gekonnt setzt er beim Singen den passenden Akzent ein, genauso international wie sein Name klingt auch seine Musik und einen schmalen Künstlerschal trägt er auch. Doch Tommy Reeve heißt eigentlich Thomas Vogt, ist ein waschechter Münchener und von seiner Plattenfirma ins Rennen geschickt worden, die Nische des deutschen James Blunt zu besetzen.

Viele Bravo-Poster-Mädchen verehren ihn, die Jungs nörgeln „Weichspüler“, und einige werden sich doch die CD gekauft haben, weil sie hoffen, sich bei Reeve etwas abschauen zu können. Bei einem Online-Anbieter kommt auch gleich die Aufforderung „Kaufen Sie jetzt diesen Artikel zusammen mit „All the Lost Souls“ von James Blunt“. Insidern ist Tommy Reeve schon länger als Studiomusiker bekannt, weil der Multiinstrumentalist (Klavier, Gitarre, Schlagzeug) bei Patrick Nuo oder Kim Frank mitwirkte. Für sein Debütalbum „On My Mind“ vom vergangenen Spätsommer wurden Reeve wiederum hervorragende Produzenten an die Seite gestellt: Ricky Lawson und T. M. Stevens spielten bereits Bass und Schlagzeug für Michael Jackson oder Madonna, und auch mit Womack & Womack hat Tommy Reeve zwei Songs aufgenommen.

Auf der NDR-Bühne am Ostseekai spült die fünfköpfige Band ihren gefälligen Sound an die Ohren der Fans und der zufällig hier gestrandeten Flaneure. Rock und Pop dominiert, ein bisschen Soul, ein bisschen Funk, immer nett, immer mit ganz viel Gefühl. Am liebsten singt der 27-Jährige vom Auf und Ab seiner Befindlichkeiten und Beziehungen. Nur die Liebe zählt. Es ist im Pop das Gebot der Stunde, sein so genanntes „wahres Selbst“ zu verwerten. Auch wenn es nur eine Inszenierung von Authentizität ist, vielen gilt das dennoch als Gütesiegel, viele wollen sich damit identifizieren, viele wollen mitleiden. Dabei besticht Reeve mit seiner überraschend wandelbaren, einfühlsam weichen Stimme: klar intoniertes Falsett bei „21st Century“, geschickte Melodieführung bei den Hits „Just One Woman“ oder „On My Mind“. Wenn er dann noch an die Tasten wechselt, sieht man vor dem geistigen Auge Joshua Kadison, wie er uns Ansichtskarten aus L.A. schickt. Nur mit „Talk To Me” gönnt sich die Band einen kleinen Ausbruch, ein veritabler Rocksong mit Rumpel-Schlagzeug und Gitarrensolo.

Doch Tommy Reeve ist ein Strahlemann, ein sehr gut aussehender Strahlemann. Tagsüber habe er mit den Kollegen im Hochseilgarten seine Schwindelfreiheit getestet, abends testet er die Zuschauer auf Mitsingqualitäten. Als Zugabe legt er sich noch einmal ins Zeug, zelebriert seine erste Single, die Trennungs-Ballade „I’m Sorry”. Stevie Wonder, Lenny Kravitz, Marvin Gaye oder Prince zählt Thomas Vogt zu seinen Vorbildern. Ein weiter Weg, doch er hat das Potenzial.