Fülle des Wohllauts im Foyer der Oper Kiel

Jazz-Formation Triologue: Gezupft, geschabt oder gestrichen

 

Kiel - Der Spielort ist für ein Jazzkonzert ungewöhnlich, die Band nicht minder unkonventionell. Vom rockenden Synthie-Solo direkt in gediegene Klassik-Lyrismen am Flügel, weiter zu einem Freistil-Jazz-Exkurs und schließlich wieder zurück das Ganze. Ungerade Metren wechseln bei Triologue ebenso flink wie die eingesetzten Stile. Die Reihe „Fülle des Wohllauts“ macht an diesem Abend ihrem Namen alle Ehre.

Bei der Lübecker Formation, bestehend aus Ninon Gloger (Klavier/Synthesizer), Alexander Carôt (Gitarrenbass) und Olaf Koep (Schlagzeug/Percussion), steht der wechselseitige Dialog zwischen den Instrumenten im Vordergrund. Dass es dabei zu verwegenen rhythmischen und harmonischen Brüchen kommen kann, scheint durchaus ein gezieltes Unterfangen.

Gleich der Auftakt "Hotspot" liefert ein Paradebeispiel für den Grenzgang zwischen Analog und Digital, zwischen durcharrangiertem Song und experimenteller Improvisation. Der blubbernde Synthesizer klingt wie eine schlechte Funkverbindung auf hoher See, bevor Gloger sich behände dem großen Tastenbruder widmet. Zickige Shuffle-Drums und der achtsaitige Gitarrenbass flechten dazu ein raffiniertes Klangnetz. Und über allem steht die Frage: „Wer beherrscht hier eigentlich wen: Der Mensch die Technik oder umgekehrt?“

Schon beim letztjährigen Theater-Festival „Feuertaufe“ vertonte das Trio innerhalb einer größeren Formation George Crumbs "Songs, Drones And Refrains Of Death", als beste Experimental-Band wurden sie zudem beim 25. Deutschen Rock-Pop-Preis ausgezeichnet. Das Repertoire verdeutlicht die Freude am Unangepassten, am Überraschungsmoment, am grenzenlosen Ausleben der Ideen.

Getreu dem Wissen, dass alle Musik bereits eine Kopie darstellt, schmücken Triologue ihre Eigenkompositionen genüsslich mit verschiedensten Zitaten: "Slapstick Rag" bedient sich an Scott Joplins "The Entertainer", das opulente Bass-Solo wird mit "It Ain't Necessarily So-Gesang" angereichert, Tribal-Rhythmen von der Marimba dominieren den "Botswana Blues" und "Schwarzer Aspergillus" schickt die Zuschauer auf eine Klangreise mit allem, was gezupft, geschabt oder gestrichen werden kann.

Besondere Aufmerksamkeit erregt der achtsaitige Gitarrenbass. Höchst unansehnlich, vermag Alexander Carôt diesem Zwitter aus beiden Instrumenten klanglich Erstaunliches zu entlocken. Ein mit reichlich Effektzauber verzierter Spagat zwischen Sitar und früher Pink-Floyd-Phase, der bei "Philodendron" mit vernebelten Akkorden einen flauschigen Ambientpop-Klangteppich knüpft. Und auch Koeps Percussion-Arsenal, seine elektronischen Verfremdungen und die mit einer Haushaltsbürste sanft geschrubbte Snare-Drum bereichern das Gesamtwerk des Trios. Am Ende bejubelt Herbert Zimmermann als Sprach-Sample das Siegtor beim WM-Finale 1954 in Bern, die Zuschauer beklatschen drei versierte Musiker im Foyer des Opernhauses.

KN-Online