Das Ulita Knaus Quartett spielte im Luna virtuos auf der Klaviatur der Emotionen


Womöglich war es nur eine Frage des Portemonnaies, ob die Konzertwahl des Abends auf Herrn Garbarek im Schloss oder Ulita Knaus im Luna fallen würde. Vielleicht entschied der Jazzfreund aber auch grundsätzlich zwischen dem ausgebufften Profi und der gefeierten Nachwuchssängerin. Im Luna zumindest herrschte nach dem Auftritt des Ulita Knaus Quartetts wohl bei allen Anwesenden Einigkeit: Eine zweite Wahl hatte man hier definitiv nicht getroffen.

Ulita Knaus mag die Widersprüche und fordert sie beinahe heraus. Wie auf dem aktuellen Album So Lost Like Peace durchwanderte die 34-jährige Protagonistin im zweistündigen Programm die ganze Palette an menschlichen Emotionen, die sie in ihren Songs zum Klingen brachte: mal himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Themen wie Angst, Verlust, Glück, Enttäuschung und Verlockung der Liebe standen gleichberechtigt nebeneinander und fügten sich doch zu einem homogenen Ganzen.

An der Seite der fabelhaften Sängerin agierte die kongeniale Stammformation mit Mischa Schumann (Klavier), Gerold Donker (Kontrabass) und Heinz Lichius (Schlagzeug), durch Gabriel Coburger an Tenor-Saxofon und Querflöte noch zum Quintett erweitert; fünf Musiker, die gleich beim Hendrix-Song Manic Depression aus den Vollen schöpften, indem sie rhythmische Finesse, virtuose Soli, jazzigen Freigeist an den Tasten und Scat-Gesang vereinten.

Knaus' Timbre, meist hell und glockenklar, mutierte hierbei mit den typischen Nonsenswortfetzen zu einem weiteren Instrument, etwa als Duettpartner des Saxofons. Zudem bereicherte der improvisatorische Charakter den glatten und beinahe zu perfekten Ausdruck ihrer Stimme. Denn die Wahl-Hamburgerin weiß sehr wohl, dass nie alles perfekt ist: Flower widmete sie der Neuen ihres Ex – und die Augen spiegelten verräterisch glasig. Für sie stellt Leid wohl auch eine gewisse Art von Genuss dar: "So'n bisschen Liebeskummer muss sein!"

Das zahlreiche Publikum lauschte andächtig den ruhigeren Songs nach der Pause, spendete Szenenapplaus für ein schier endlos wiederholtes Thema von Klavier und Querflöte und honorierte die Arrangements, die sich immer stärker vom Songwriting-Gerüst lösten. Die persönlichen Texte kamen jetzt voll zur Geltung, erzeugten eine intime Atmosphäre und gaben jedem einzelnen Hörer Denkanstöße. Doch Ulita Knaus wäre nicht Ulita Knaus, würde sie nicht mit dieser Stimmung brechen: Places To Be vertrieb mit lebensbejahendem Groove jegliches Trübsal, wieder gekrönt von den prägnanten Scat-Vocals und einem fantastischen Querflöten-Solo von Gabriel Coburger. Eines ist sicher: Es geht immer weiter – und sei es mit dem nächsten Song. Von Henrik Drüner

nordClick/kn vom 16.04.2004 01:00