U.F.O. (United Future Organization) – Still alive and kicking


So vereint, wie es ihr Name weismachen möchte, ist die United Future Organization vielleicht doch nicht. Zumindest arbeitet das einstige Trio nur noch als Duo, nachdem Toshio Matsuura zu Beginn dieses Jahres seine Mitstreiter Raphael Sebbag und Tadashi Yabe im Regen von Tokio stehen ließ. Dem fünften Album „V“ ist ein eventueller Trennungsschmerz allerdings nicht anzuhören – ganz im Gegenteil.

Um die Position von U.F.O. im aktuellen Raster des JazzNotJazz gebührend einordnen zu können, reicht ein kurzer Blick in die Biographie. Nachdem das Projekt 1990 startete, trug es zusammen mit US3, Brand New Heavies, Galliano oder Jamiroquai entscheidend zur Ablösung des Acid Jazz bei. Der Kontakt zu DJ-Koryphäe Gilles Peterson brachte sie schließlich zu dessen Label Talkin` Loud. Bis 1999 und dem vierten Longplayer „Bon Voyage“ wurde der eigene Stil immer wieder neudefiniert. Eigener Stil? Bisher zeichneten sich die Veröffentlichungen von U.F.O. eher durch ein experimentelles Moment aus, bei dem bereits der halbe Planet musikalisch abgegrast wurde. Orientalische Beats, Samba, Tango und afro-kubanische Rhythmen mischten sich mit Jazz und Soul zu immer neuen Klanglandschaften, die eine Einordnung in Stilschubladen von vornherein erschwerten. Der in Marokko geborene Raphael Sebbag findet dazu eine simple Erklärung: „Manchmal weißt du, in welche Richtung der Sound bei einem Album gehen wird, und manchmal eben nicht. Du lernst jedes Mal dazu, und knüpfst dabei entweder an eine Idee an oder startest ganz bei Null. Wir versuchen, den Stilkatalog immer zu erweitern. Indem wir unsere Ideen kombinieren, gibt es unzählige Klangvarianten für die Songs.“

So bietet auch das knapp und präzise mit „V“ betitelte Album (erstmals nach dem Split mit Talkin` Loud auf dem Londoner Label Exceptional Records) drei Jahre nach „Bon Voyage“ wieder verschiedenste Ansatzpunkte. Die ruhigen Tracks zu Beginn umfassen bereits die Spannbreite von sphärischer Worldmusic mit spanischer Gitarre („Esperanza“) bis zum jazzigen „No Problem“, das mit famosen Bassläufen und leichtem Latin-Feeling den ersten Höhepunkt darstellt. Der klagende Gesang von Studiogast Mark Murphy verstärkt noch die angenehm melancholische Stimmung. Doch U.F.O. können auch anders: „Microcosmo“ und „Lunar Effect“ zeigen, dass nach der Mitarbeit zum Soundtrack von „Mission Impossible“ abstrakte Filmmusik ebenfalls ihren Platz im Stilkatalog gefunden hat. Der Versuch, die Stimme von Dee Dee Bridgewater durch Sabrina Malleiro oder Valerie Etienne (Ex-Galliano) zu ersetzen, musste zwangsläufig scheitern. Dabei sind „World Thing“ oder „Por do Sol“ schicke Tracks, die traditionellen Bossa Nova mit elektronischen Elementen verbinden - beim Vergleich mit „Flying Saucer“ vom letzten Album müssen sie jedoch den kürzeren ziehen. Dagegen begeistert die erste Singleauskopplung „Listen Love“ (Jeffery Smith-Vocals) mit jazzigem Breakbeat und dominantem Klavier, bevor gegen Ende von „V“ noch einmal an der Beatschraube gedreht wird. Mit „Transworld“ geht es in warme House/Techno-Gefilde à la Ian Pooley, während bei „Suite Espagnole“ zum Abschluss ein Drum`n Bass-Monster im Salsakostüm auf den Hörer wartet, der nach gemächlichem Intro durch eine unglaublich erfrischende Lebensfreude auf die Tanzfläche gezogen wird.

Insgesamt versprüht „V“ einen zeitlosen Charme, und liegt vom Sound her doch auf Höhe hochrangiger NuJazz-Produktionen dieser Tage. Nicht von ungefähr nennt Sebbag als verwandte Projekte die omnipräsenten Jazzanova oder Koop aus Schweden, die mit den jeweils aktuellen Veröffentlichungen ganz vorne mit dabei sind. „Ich finde die Entwicklung im NuJazz und sonstiger Clubmusik sehr interessant. Wir haben diese Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Jetzt erzählen uns viele Musiker und DJ`s, dass sie unsere Vorarbeit schätzen, da sie mit den positiven Auswirkungen arbeiten können. Es bestehen im Moment gute Chancen, in diesem Bereich etwas zu bewegen und Neues zu kreieren.“ Die Tatsache, dass Toshio Matsuura nicht mehr der United Future Organization angehört, sieht er gelassen: „Wir waren lange Zeit zu dritt, jetzt sind wir halt zu zweit. U.F.O. is still alive! Es gab viele Höhen und Tiefen in den Jahren, aber wir haben überlebt, sogar gut überlebt. Die Trennung verlief sehr freundschaftlich. Toshio wollte eine andere musikalische Karriere einschlagen, und er ist noch jung. Tadashi und ich arbeiten schon wieder am nächsten Album.“

Anscheinend gibt es keine Anzeichen von Müdigkeit, zumal Sebbag elegant die Altersfrage mit der Aussage „Ich versuche immer, jung zu bleiben“ umgeht. Mittlerweile legen die beiden U.F.O.`s regelmäßig in europäischen Clubs auf, Sebbag etwa in London und Mailand, während Tadashi Yabe neben London des öfteren Helsinki und Stockholm bereist. Die Aktivitäten beschränken sich jedoch nicht nur auf musikalische Bereiche: Als Designer für Armbanduhren und tragbare CD-Player – in limitierter Auflage, versteht sich - hinterlassen U.F.O. auch im japanischen Unterhaltungswesen ihre Spuren. Es scheint alles möglich zu sein. Henrik Drüner