Verve Today 2003

 

Die so oft benutzte Redewendung vom „schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn“ wirft Fragen auf: Existiert dieser geistige Zwischenraum wirklich oder ist er nur Ausdruck des eigenen Unverständnis gegenüber Andersdenkenden? Besonders bei Jazzmusikern scheint er - falls vorhanden - besonders eng geraten.

Wer seinen Lebensunterhalt mit nichtkommerzieller Musik bestreitet, wird in der Öffentlichkeit belächelt und sein Schaffen als „brotlose Kunst“ abgetan. Nach einem Bericht der amerikanischen Jazz Times ist zudem das Risiko für Jazzmusiker um ein Vielfaches höher als für Normalsterbliche, früher oder später in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden. Prominente Beispiele dieses pathologischen Wahnsinns sind unter anderem Charlie Parker, Chet Baker, Bud Powell oder Jaco Pastorius.

Was das alles mit „Verve today 2003“ zu tun hat? Das beliebte Verve-Label möchte klarstellen, dass einige Jazzmusiker zwar verrückt sind, aber nur im Sinne des Prädikats „genial“. Genial in ihrer Art und Weise, wie sie Hörer mit immer neuen musikalischen Eigenarten beschenken. Denn nach der Phase der Abschreckung profitiert der Jazzfan letztendlich von diesem Ausloten der Extreme. Auf der aktuellen Werkschau tummeln sich mehrere dieser Individualisten: Chick Corea & Bobby McFerrin als kongeniales Piano/Vocal-Duo, „Gitarren-Übergott“ John Scofield oder Wayne Shorter jeweils in musikalischem Neuland – da gibt es viel zu entdecken. Doch auch die klassischen Bearbeitungen von Regina Carter auf der legendären Guarneri-Geige, Incognito`s Acid Jazz oder die junge Stimme von Lizz Wright machen die Compilation zu einem vielfältigen Genuss.

Stellvertretend für die gesamte Serie könnte der Opener „One And Only“ des norwegischen Duos Beady Belle genannt werden: Tradition steht neben Progressivem, klassischer Jazz neben eher jazzfremden Stilelementen, akustische Instrumente neben programmierten Sounds – ohne dabei in musikalische Widersprüche oder Einschränkungen verstrickt zu sein. Lang lebe kreative Verrücktheit! Henrik Drüner