Vicki Vomit im Prinz Willy

Zottelig und mit Kodderschnauze

 

Kiel – In Zeiten wie diesen wollen die Menschen nicht nur Information. Sie wollen vor allem Trost. Jens Hellmann, Ex-Metal-Musiker aus Erfurt und im Namen von Vicki Vomit selbst ernannter Diplom-Komiker, ist so einer, der Trost spenden kann. Denn seiner Überzeugung nach steckt in jeder Katastrophe auch immer eine Chance. Mit seiner Show zwischen Liedermacher-Konzert und Standup-Comedy lockte er vom Leben gepeinigte ins Prinz Willy.

Wohlgemerkt, viele sind es nicht, die sich locken ließen. Einen möglichen Grund stellt Vicki Vomit gleich zu Beginn in den Raum: „Komiker ausm Osten kannst du in der Pfeife rauchen. Ihr Handicap: Sie sind nicht komisch!“ Wenn Vomit mit seinen zotteligen Haaren und der Kodderschnauze so etwas sagt, das wirkt es schon wieder unfreiwillig komisch. Zumindest legt er Wert auf den Unterschied zwischen Kabarett und Comedy: Beim Comedian suche der Zuschauer die Schuld der Langeweile beim Künstler, beim Kabarett dagegen bei sich selbst. Insofern kürt sich Hellmann ebenso zum Kabarettisten – und lacht sich ins Fäustchen über diesen Clou. Nicht nur äußerlich erinnert der 45-Jährige an Ozzy Osbourne: Beide wirken etwas verlebt, teilen ihre oftmals kontroversen Aussagen offenherzig der Öffentlichkeit mit und erregen bei aller Sympathie im Grunde Mitleid.

Vicky Vomit stolpert von Thema zu Thema, von Finanzkrise („Man weiß nicht, was der Bankautomat mit 'Guthaben nicht mehr vorhanden’ sagen will – meins oder das der Bank?“) über Vegetarismus („Was Vegetarier anstellen können wegen ihres angestauten Frustes kann man gut am Beispiel Hitler nachvollziehen“) zu seinem zentralen Motiv: Leben und Sterben im Osten. Vicki Vomit ist kein Ostalgiker wie Peter Sodann, eher ein Satiriker, der die Vergangenheit mit leichtem Hang zur Übertreibung persifliert. Und Übertreibung macht bekanntlich anschaulich. Der Sinnspruch „Das Moos ist immer im Westen“ gelte nicht nur für die Orientierung im Wald.

So strampelt Vicky Vomit hektisch mit den Beinen im Treibsand, der ihn sein ganzes Leben umgibt und nicht freigibt: Als Baby ein „hässlicher Grottenolm im Strampelanzug mit verkrusteten Eiterpickeln“, später Probleme mit den Freundinnen und die beharrlich scheiternde Karriere als Musiker vor und nach dem Zusammenbruch der DDR.
Unterbrochen wird der Sketch-Part durch Liedgut an der Akustikgitarre, stilistisch diffus zwischen Mike Krüger und den Ärzten schwankend. Auch hier reimt sich Hellmann mit expliziten Textzeilen zur „Kleinen Meerjungfrau“, verteilt verbale Rundumschläge bei „Arbeitslos und Spaß dabei“, „Die Titten von Mutter Teresa“ und „Wohin mit Omas Leiche“ oder besingt Armin Meiwes, den Kannibalen von Rotenburg.

Abweichende Hygienestandards von Frau und Mann in einer gemeinsamen Wohnung vertont Vicki Vomit in einem kauzigen Blues. Egal, ob als Comedian, Kabarettist oder Musiker: Charmante Weisheiten, die präzise das Zeitgeschehen kommentieren und elendige Rohrkrepierer reichen sich bei Vicki Vomit die Hand. Und auf irgendeine Art ist es immer komisch.