Man singt deutsch – Winson

 

Vor über 20 Jahren rollte schon einmal eine Neue Deutsche Welle (kurz: NDW) übers Land und spülte Nena, Trio, Spliff, Ideal, Markus oder Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile scheint es eine Entwicklung zu geben, dass sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache ausdrücken und mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vorstoßen. „Die Glocke“ stellt sie in dieser Reihe vor. Heute: Winson.

„Ey kiek ma, ey kiek ma, da vorne steht a, der Peta! Ick fra ma nur: Wovon lebt a?“ schrillt eine übersteuerte Stimme über den Äther. In Berlin wurde der Song „Wovon lebt eigentlich Peter?“ über die ungeklärten Finanzverhältnisse des dubiosen Herrn inzwischen von diversen Radiostationen zur neuen Hymne gekürt. Urheber Winson ist ein Familien-Solo-Projekt aus der Spreemetropole, das mit dem aktuellen Album „So sah die Zukunft aus“ (V2/Rough Trade) textlichen und musikalischen Humor in ein lässiges Song-Format überführt. Nichts liegt dem Exil-Frankfurter Markus Winson mit der angelernten Berliner Oberschnauze ferner als belesener Weltschmerz und Selbstmitleid – das Ergebnis sind folglich Textzeilen wie „Denk nicht zu lange nach / Und hau raus deinen Scheiß / Mach’s wie icke / Mach’s auf die schnelle Tour, Baby“ oder die Parole für alle unglücklich Verliebten, „Dein Selbstmitleid hat noch nie was gebracht / und ich dachte, ich hätt’ dir schon mal gesagt / Liebeskummer ist Luxus, Baby“.

Musikalische Vorbilder? „Die Neue Deutsche Welle war, glaub ich, die erste Musikkassette, die ich von meiner Mama bekommen hab. Das hat mich auf jeden Fall beeinflusst. Trio ist so eine Band, die ich als Vorbild aufführen würde“ berichtet Markus Winson, der seit acht Jahren in einer 1 1/2-Zimmer-Kohlenofenwohnung in Kreuzberg wohnt. Bisher schien bei Winson alles keinem Konzept, sondern nur der Situation zu entsprechen. Auch seine Platte war eigentlich ein Unfall: Der Band-Partner erkrankte lang und schwer, so dass der 29-Jährige im Alleingang und zum Zeitvertreib schrammelige Akustikgitarren aufnahm, dazu eingängig treibende Beats und offensive Nonsens-Texte. Dank der krachigen Demo-Tape-Ästhetik bekommen die Songs einen charmanten Hang zur Vorproduktion und zum gewollt Unperfekten.

Doch der Junge mit der Mütze, der seinerzeit auch mal einen Tourfilm für die befreundete Band The Beatsteaks drehte, muss jetzt beweisen, dass er nach den ersten Erfolgen und ohne jegliche Gesangsausbildung den eingeschlagenen Weg fortführen kann. Ansonsten fragen wir uns: Wovon lebt der eigentlich, der Markus? „Ich lebe davon, dass ich in einer Kneipe ab und zu Milchcafés serviere. Und hin und wieder arbeite ich als Tonassistent beim Film.“ Na, denn is ja jut. Henrik Drüner