Wir sind Helden im Interview

„Es ist Zeit für eine Zäsur“

 

Kiel – Mit dem Debütalbum „Die Reklamation“ begann 2003 der kometenhafte Aufstieg von Wir sind Helden. 1,2 Millionen ihrer mittlerweile drei Platten haben die Wahl-Berliner seitdem verkauft und mit ihren eingängigen Gitarren-Popsongs quasi einen Trademark-Sound geschaffen. Wir sind Helden meistern die Gratwanderung zwischen Reportagen im ZEIT-Magazin „Leben“ und in der „Bravo“, indem sie sich oft kritisch gegenüber der Konsum- und Mediengesellschaft positionieren und gleichzeitig ein Massenpublikum ansprechen.

Erinnerst Du Dich noch an den Auftritt bei der MTV Campus Invasion in Kiel im Sommer 2003?
Jean-Michel Tourette: Auf jeden Fall. Ich unterbrach deswegen extra meine Flitterwochen. Das war eine der schwersten Entscheidungen meiner Musikkarriere. Die Frage war: Wo hört das Private auf, wo fängt der Beruf an? Es war ein wichtiger Auftritt für uns damals, auch wegen der TV-Übertragung. Aber ich hatte die Reise schon gebucht – also musste ich kurzfristig eingeflogen werden. Meine Frau hat das damals super mitgemacht, und sie macht es auch heute noch super mit.

Gibt es schon Perspektiven für den Zeitraum im Babyjahr (Friedrich, Sohn von Sängerin Holofernes und Schlagzeuger Sebastian „Pola“ Roy, Anm.d.Verf.)?
Wir lassen es auf jeden Fall ruhiger angehen und pausieren im nächsten Winter. Ich kann zwar ohne Songwriting nicht sein, da müsste man mir schon beide Hände abhacken. Aber als Band wollen wir nicht gleich, nachdem wir von der Bühne gestiegen sind, an einem neuen Album arbeiten. Jeder soll andere Sachen machen können, Solo-Projekte oder einfach Luft schnappen. Es ist Zeit für eine Zäsur. Wir sind Helden bleiben definitiv bestehen, dafür haben wir noch viel zu viel Bock aufeinander. Und Friedrich, das Bandbaby, kommt mit auf Tour. Denn er bringt einen immer auf den Boden der Tatsachen zurück. Sehr erfrischend, auch für Nichtväter.

Da passt es zeitlich auch gut, dass ihr den Plattenvertrag erfüllt habt und unabhängig seid…
Das sind sicherlich Faktoren, die bei der Entscheidung eine Rolle spielen. Nicht, dass wir uns anschließend musikalisch völlig neu orientieren, aber es ist auch die Frage, wie wir uns wirtschaftlich aufstellen, wenn eine nächste Platte ansteht. Und wie man dann die Musik veröffentlicht. Insofern überstürzen wir nichts und nehmen nicht das nächstbeste Angebot an, sondern gucken uns um. Wir sind Künstler und sollten uns darüber nicht so viele Gedanken machen, aber wir sind auch nicht mehr 18-Jährige, bei denen Manager im Hintergrund sagen: „Wird schon, wird schon.“

Wie kam es zu der Idee, ein Buch („Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen“, Fischer Taschenbuch Verlag) zu veröffentlichen?
Ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde. Es gab ein unregelmäßiges Internet-Tagebuch, das hauptsächlich Judith geführt hat. Und dabei sollte es auch bleiben. Dann fragte der Verlag an, weil die Texte Interesse geweckt hatten. Anfangs sollte es schlicht eins zu eins übertragen werden, doch das empfanden wir als Geldschneiderei. Also haben wir versucht, die Lücken in der Bandgeschichte zu schließen und kamen statt 200 auf beinahe 400 Seiten, in paritätischer Aufteilung in quasi Dialog-Form. Wir haben eben einfach viele groteske Dinge erlebt. Und wir nehmen kein Blatt vor den Mund.

Wie ist das Gefühl als Musiker, ein Buch von sich im Handel zu sehen?
Zu Beginn war ich sehr skeptisch, ob die Kürze der Bandgeschichte als Grundlage für ein ganzes Buch ausreicht, aber jetzt bin ich glücklich mit Inhalt und Aufmachung. Als Schriftsteller ist es vielleicht normal, ein eigenes Buch in den Händen zu halten – entsprechend bei einem Musiker die CD – aber für mich war das schon ein magischer Moment.

Aber ihr werdet nicht auf Lesetour gehen, wie beispielsweise Kollege Thees Uhlmann von Tomte?
Doch, das ist tatsächlich geplant. Es stehen schon mehrere Termine fest. Doch wir sehen uns nicht als die professionellen Vorleser, so dass wir einen bunten Abend gestalten wollen, mit Live-Musik und sonstigem Spökes.

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