Man singt deutsch I: Wir Sind Helden


Vor über 20 Jahren rollte schon einmal eine Neue Deutsche Welle (kurz: NDW) übers Land und spülte Nena, Trio, Spliff, Ideal, Markus oder Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile scheint es eine Entwicklung zu geben, dass sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache ausdrücken und mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vorstoßen. „Die Glocke“ stellt sie in dieser Reihe vor.

Bei den diesjährigen Echo-Verleihungen räumte eine Band mit vier Auszeichnungen richtig ab: Wir Sind Helden. Es verdeutlicht die Erfolgsgeschichte der Wahl-Berliner, die 2003 mit dem Debütalbum „Die Reklamation“ wie Phönix aus der Asche stiegen. Neben Sängerin Judith Holofernes bestehen Wir sind Helden seit 2001 aus Keyboarder Jean-Michel Tourette, Schlagzeuger Pola Roy und Bassist Mark Tassavol, der etwas später dazustieß.

Was die enorme Popularität ausmacht? Das Quartett schreibt nette Popsongs, ohne dass es sich mit Gute-Laune-Garantie anbiedern muss. Sie selbst beschreiben ihre Musik als „Synthie-Punk-Pop“, der sich augenzwinkernd in „28 % Synthie, 34 % Punk und 38 % Pop“ aufschlüsselt. Judith Holofernes kombiniert dabei sympathisches Auftreten mit einer angenehmen Stimme und skandiert unverbrauchte Textpassagen wie „Hol’ den Vorschlaghammer/ Sie haben uns/ ein Denkmal gebaut/ und jeder Vollidiot weiß/ dass das die Liebe versaut/ ich werd’ die schlechtesten Sprayer dieser Stadt engagieren/ sie sollen nachts noch die Trümmer/ mit Parolen beschmier’n“ (aus „Denkmal“).

So schaffen Wir sind Helden die Gratwanderung, sich oft kritisch gegenüber der Konsum- und Mediengesellschaft zu positionieren und gleichzeitig ein Massenpublikum anzusprechen. „Ich schreibe Texte über alles, was mir durch den Kopf trapst und denke dann nicht, ich brauche noch so ’nen Anteil Protestsongs“ betont Holofernes jedoch. „Es gibt Bands wie Die Sterne, die das schon viel länger machen als wir und denen wir auch dankbar sind, dass sie uns auf die Idee gebracht haben, dass man das auf deutsch kann.“ Die Zeit scheint reif für einen natürlichen und selbstbewussten Umgang mit Heimat. Henrik Drüner