Pianist Wolfgang Köhler drückte im KulturForum Jazz-Standards seinen Stempel auf

Virtuose Verschmelzungen

 

Kiel - Über den Menschen Wolfgang Köhler möchte man nach so kurzer Zeit nicht urteilen. Aber ein Gedanke verfestigt sich schon während des Konzertabends für Solo-Klavier im KulturForum: Den Pianisten Wolfgang Köhler wünscht man sich von Herzen als Nachbarn, um ihm bei seiner täglichen Interpretation von Klassik- und Jazz-Literatur durch die Wände lauschen zu können. Ein Professor in Einklang mit seinem Instrument und Medium.

Nach vorn gebeugt kauert er über den Tasten des schwarzen Flügels. Orthopädisch bedenklich, aber nach Jahrzehnten in dieser Haltung wohl nicht mehr zu begradigen. Kein Wasserglas, keine Notenblätter, die ihm den freien Blick verstellen. Es erklingt "All The Things You Are", einer der meist gespielten Evergreens - und die drei Dutzend Zuschauer, vom Veranstalter euphemistisch als „erlesene Runde“ bezeichnet, erkennen den wohlbekannten Jerome-Kern-Song kaum wieder.

Es eine der hervorstechenden Qualitäten Köhlers, nicht nur Zitate von Jazzstandards in eigene Stücke einzubauen, sondern vice versa die Originale derart zu verfremden, dass nur die bekannten Themen durchschimmern. So ergeht es auch Antonio Carlos Jobims "Chega De Saudade (No More Blues)" oder "Sophisticated Lady" von Duke Ellington. Stile verschmelzen zu einer großen Fusion, wenn flirrende Fingerläufe in bedächtige Moll-Akkorde münden, wenn aus einem Walking Bass heraus ein freies Wechselspiel zwischen Bebop und Avantgarde-Pop erwächst.

Durch seine Teilnahme am Burghausener Jazzkurs 1977 erwachte Köhlers Interesse an Modern Jazz. Mittlerweile kann er Till Brönner, Herb Geller oder Marianne Rosenberg (wohlgemerkt als Jazzsängerin) seine Musikpartner nennen, nahm zahlreiche CDs in unterschiedlichsten Besetzungen auf. Zudem hat er eine Professur für Piano in der Abteilung Jazz und Popularmusik der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin inne.

Vielleicht liegt darin auch sein individueller Vortragsstil begründet. Der ist streng, bisweilen akademisch korrekt, dadurch aber auch angenehm affektfrei und unprätentiös. So lebt Köhler seine Virtuosität aus, sei es bei Sam Coslows "In The Middle Of A Kiss" mit romantisch-lyrischem Charakter, einer Mini-Suite von Bud Powell ("Dusk In Sandy" und "Bouncing With Bud") oder Irving Berlins "Let's Face The Music And Dance".

Nach der Pause erleben die begeisterten Zuschauer eine Welturaufführung. Denn was lange währt, kommt nach 14 Jahren endlich auf die Bühne: Wolfgang Köhlers Klaviersonate. Zwar mag diese dreisätzige Form der Instrumentalkomposition ungewöhnlich in einem Jazzkonzert erscheinen, aber sie ist zweifelsohne Demonstration seines Könnens. Ein kantables Hauptthema, im Menuett höchste Schwierigkeitsstufen, eine Verdichtung von Arrangement und Ideenreichtum.

Die Interpretation von Horace Silvers "Strollin'" führt anschließend wieder zurück in jazzige Gefilde und beendet 90 kurzweilige Minuten. In den erklatschten Zugaben gehen Köhlers Hände noch einmal über Kreuz, setzen "Lullaby Of Leaves" (Billy Eckstine) und zwei Hochgeschwindigkeits-Ragtimes noch einmal frische Akzente.

KN-Online