Wut, Kraft und Zärtlichkeit - Wortfront mit Uraufführung im Lutterbeker

 

Lutterbek – Ihre „Lieder eines postmodernen Arschlochs“ ließen 2006 aufhorchen. Eine bis dahin seltene stilistische Vernetzung von Hip-Hop, Literatur und Chanson. Verantwortlich dafür sind Sandra Kreisler, die Tochter des Komponisten und Satirikers Georg Kreisler, sowie ihr Lebensgefährte Roger Stein, die zusammen mit zwei Streichern auf der Bühne die Gruppe Wortfront bilden. Vor der Uraufführung des Nachfolgers „Von vorn mit Anlauf“ im Lutterbeker agieren Kreisler und Stein auch im Telefon-Interview als eingeschworenes Team – indem sie das Gespräch über ihr Berliner Studiomischpult abhören und somit gemeinsam führen können.

Eine Uraufführung! Warum Kiel?

Sandra Kreisler: Wir mögen das Lutterbeker und Familie Marx sehr. Diesmal kommen wir zwei Tage früher und können dann noch Bühnenproben im Quartett machen. Das ist unbezahlbar! Ein Lied, „Warum“, lernen wir erst dort, haben quasi die Generalprobe direkt vor Ort. Wir machen hier in Berlin beinahe alles zu zweit: Aufnahme der EP, Mischen, Cover-Design, Plakat. Das ist schon ein Fulltime-Job - und dementsprechend sind wir knapp in der Zeit. Oder besser: etwas hinterher.

Eigentlich sollte die neue CD bereits auf der Tour erhältlich sein…

SK: Ja, wir hätten es aber nur mit Hängen und Würgen geschafft, abgesehen von den Vorlaufzeiten bei der Presse. Die Grippe hat zudem erst Roger und danach mich für insgesamt fast drei Wochen vollkommen ausgebremst. Natürlich hintereinander! Als große Perfektionisten, die wir sind, achten wir auf jede Kleinigkeit. Insofern lag die Wahl einer EP in limitierter Auflage nahe. Eine wichtige Geste für die Fans.

Was hat es mit dem Titel auf sich?

SK: Das ist eine Liedzeile vom kommenden Album. Es soll eher ein Sommerlied verkörpern, in dem Sinne: Ich erwarte den Sommer und freu mich auf die Sonne! Alles sehr aktiv, energisch, positiv.
Roger Stein: Eigentlich stammt es aus einem Zyklus, die wir so gerne zerreißen, weil es ansonsten zu eindimensional wird: Lauter Liedeslieder an schöne Dinge des Lebens. Das letzte Album war überwiegend kritisch und hart, doch es ist schwierig, die Kostbarkeiten zu würdigen, ohne kitschig zu werden oder zu schleimen.

Stehen die neuen Lieder weiterhin in dem Kontrast von fragilen Innenschauen und derben Reviermarkierungen?

SK: Man selber sieht das natürlich nicht so. Das sind Sachen, die direkt aus uns herauskommen. Jeder Mensch, der etwas reflektiert ist, kann sehr zart, ruhig und traurig sein, gleichzeitig aber auch über die blödesten Witze lachen und einen draufmachen. Insofern loten wir unsere und damit die menschlichen Höhen und Tiefen aus, jedoch nicht als zwei Seiten einer Medaille.
RS: Ich find es wichtig, dass Wut und Kraft genauso dazugehören wie Zärtlichkeit, auch wenn dieses Gefühl sicherlich gesellschaftlich anerkannter ist. Aber beides gehört zum Leben!
SK: Ich bin auch gerne mal seicht und blödele herum. Aber am liebsten mit Freunden, bei denen ich weiß, dass potenziell auch ein tiefes Gespräch möglich ist. Mich stört die Eindimensionalität, denn dann hat es auch keinen Witz mehr. Daher achten wir neben all dem Ernst auf Humor und Eigenironie. Wir setzten uns keine Grenzen, welcher stilistischer Mittel wir uns bedienen. Wir haben das Gefühl, das Lied verlangt von uns und nicht wir verlangen vom Lied. Teilweise hat es Anflüge von Monty Python, dann wieder dominieren ruhige Chansons in der klassischen Form. Es verläuft von Lied von Lied, nicht von Album zu Album. Die logische Weiterführung unserer Arbeit.

Fühlt ihr dabei eine Art Symbiose?

SK und RS (gleichzeitig): Ja.
RS: Besonders gegen Ende jeden Liedes ringen und kämpfen wir miteinande und sind bei Gott nicht der gleichen Meinung. Aber es ist sehr konstruktiv.
SK: Ein Geschenk. Wir sind seit acht Jahren zusammen, sehen uns mehr oder weniger 24 Stunden täglich. Wir trennen also nicht Berufliches und Privates. Durch die gemeinsame Arbeit und die damit verbundenen wichtigen Entscheidungen streiten wir uns nie, wer den Müll raus bringt. Das sind Nebensächlichkeiten.

Ist die EM für Euch ein brisantes Thema?

SK: Mir ist die sportlich relativ egal, doch bei der WM fand ich’s toll, dass bei uns in der Nachbarschaft in Berlin-Kreuzberg der indische Imbiss-Besitzer draußen einen Fernseher aufgestellt hatte. Da war eine tolle Atmosphäre! Zur Eröffnung hat uns der SWR zu einer Talkshow zum Thema „Österreich vs Schweiz“ eingeladen. Aber ein Heimatgefühl empfinde ich in Österreich nicht. Vielmehr denke ich europäisch.
RS: Ich bin als Schweizer überraschender Weise ein Fan der deutschen Mannschaft. Es störte mich früher, dass alle gegen die Deutschen waren – da hab ich den Spieß umgedreht. Wenn aber die Schweizer beispielsweise gegen Italien spielen, bin ich schon für mein Team.

Freitag, 21 Uhr, Lutterbeker (Lutterbek bei Kiel, Tel.: 04343 / 9442)


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