Yusuf - „Ich mag es, die Leute zu reizen“

 

Kiel – „Man darf die Texte nicht so wörtlich nehmen oder einzelne Zeilen herauspicken, sondern als Gesamtpaket betrachten.“ Verständlich, dass Yusuf gleich beschwichtigt, bevor das Gespräch zu Details seiner Songtexte vordringt. Denn Yusuf macht Straßen-Rap, Worte sind bei ihm geladene Pistolen. Morgen auf der Releaseparty zu seinem pressfrischen Album "Hardliner" schickt er sich an, der Kieler Hip-Hop-Szene einen gewichtigen Impuls zu verleihen.

„Shakespeare aus'm Block“ nennt sich der 24-Jährige im Untertitel. Es ist genau diese Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach lyrischem Gehalt und vulgärer Jugendsprache, die in Songs wie "Aufstand der Unterschicht", "Miststück", "Skimaske, Überfall" oder "Waffen und Feuer" zum Ausdruck kommen. Der Kieler Stadtteil Mettenhof, in dem der Kurde Yusuf seit acht Jahren mit Eltern und zwei jüngeren Geschwistern lebt, dient als stolzer Makel, als Keimzelle der drastischen Texte und als Stahlschmiede, die so starke Typen wie ihn hervorbringt. Mettenhof wird zum Genre-Idiom „Mettenhood“ stilisiert und so eine Gettoisierung vorangetrieben, die im Umfeld von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Kriminalität eine vermeintliche Realität spiegeln soll.

Dabei verkörpert Yusuf nicht nur diese kompromisslose Linie. Er betont, dass sich etwa die zweite Single "Sein Name ist Ahmed" um sozialkritische Inhalte drehe, ums Schicksal eines kleinen Jungen im Zeitraffer. Doch der Start in sein Debütalbum sei bewusst provokant gewählt, um nicht als Schmuse-Rapper abgestempelt zu werden: „Ich freu' mich auch, wenn die Leute sich darüber aufregen. Ich mag es, die Leute zu reizen. Wenn die sich das Maul zerreißen, weißt du, dass du es richtig machst!“

Erst seit anderthalb Jahren ist Hip-Hop-Musik sein Lebensmittelpunkt. Von Januar an werkelte der Kontrollfreak im Studio, teilweise bis tief in die Nacht. Das Kieler Label DockTown Records stellte ihm Produzenten zur Verfügung, organisiert in diesen Tagen die Presse-Interviews und den Kontakt zu Musiksendern, um seine Videos auszustrahlen. „Ich kümmere mich eigentlich um nichts außer um meine Texte“, weiß Yusuf die Rundum-sorglos-Betreuung zu schätzen. Erstaunlich professionell und durchgestylt wirkt alles für einen Newcomer mit bislang nur zwei Auftritten, egal ob Artwork, Videoqualität oder die Tatsache, dass er samt Fahrer im nagelneuen VW Phaeton zum Interview vorfährt.

Zwar gaben auf Hardliner mit Miky und Dray Durch zwei Kieler Rapper ihre Stimme ab, doch Yusuf sieht mit der lokalen Szene nur wenige Berührungspunkte. „Ich kann mich mit denen nicht identifizieren, geh' auch nicht auf Hip-Hop-Jams. Es gab Gerüchte in der Szene über mich, dass ich so schlimme Texte schreibe. Jetzt kommen sie alle an und wollen sich mit meinem Namen schmücken. Man kann mich nicht mehr ignorieren, ich bin jetzt da.“ Er akzeptiere die Musik von Azad (ein deutscher Rapper kurdischer Abstammung, Anm.d.Verf.), auch Bushido. Das berüchtigte Label AggroBerlin aber könne nicht als Einfluss gelten.

An gesundem Selbstbewusstsein scheint es Yusuf zumindest nicht zu mangeln. „Bei MySpace hab ich 6000 Klicks am Tag, das schafft nicht einmal Bushido. Und wenn ich durch die Stadt gehe, muss ich Autogramme geben und Fotos machen lassen.“ Dabei ist der endgültige Durchbruch erst mit dem zweiten Album geplant, das Anfang nächsten Jahres erscheinen soll. Jetzt kommt der erste Schritt.

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