Adam Green - Frankensteins Seele


Anlässlich seines neuen Albums 'Sixes And Sevens' traf Henrik Drüner Adam Green und hatte - nicht nur zur Platte - einige Fragen.

Mit welchen Ambitionen bist du an das aktuelle Album herangegangen?
Beim Songwriting sollte es definitiv Veränderungen geben. Viele Songs klingen wie vorher noch nie da gewesen, besonders gesanglich. Auf 'Jacket Full Of Danger' hatte ich das Showman-Ding vergessen. Diesmal wollte ich einen richtig smoothen Bariton-Crooner verkörpern, und ich fand, das ist ein aufregendes Projekt, es über ein ganzes Album durchzuziehen. Alles ganz geschmeidig, trotzdem bombastisch und männlich. Wie das Video zum Song 'Morning After Midnight' über eine traurige alte Drag-Queen, gedreht in Schwarz-Weiß, mit Parallelen zu 'Control'.

Hast du den Film gesehen?
Ja, großartig! Eine angenehm erzählte Story, sehr schön geschnitten. Schwer umzusetzen ist so etwas bei Ray Charles oder Johnny Cash, aber hier geht es nur um ein Jahr. Nicht gefüttert mit obszönen Montagen, sondern mit schlichten Dialogen. Und das Schwarz-Weiße passt super. Ich bin auch ein großer Joy-Division-Fan, wollte immer Goth sein. Daher bin ich etwas enttäuscht, dass mich die Medien nie als solchen wahrgenommen haben. Ich denke, ich bin es - wenn auch in einer veralteten Weise im Stile von Lord Byron und Percy Shelley [zwei britische Dichter zu Beginn des 19. Jahrhunderts]. Es steckt etwas von Frankenstein [Mary Shelleys Roman von 1818] in meiner Seele.

Zumindest klingst du beim Großteil der Songs sehr relaxt ...
Ich hatte diesmal auch richtig viel Zeit, hab tagelang hintereinander im Studio verbracht und die Gesangsspuren teilweise erst um drei Uhr morgens eingesungen. Beim letzten Album war es eher ein Tagesjob: elf Uhr hin, nachmittags Aufnahme, abends wieder raus. Aber die Vibes eines Songs konnten sich so nicht entfalten. Diesmal war es anders, auch weil ich viel mit Produzent Dan Myers unterwegs war, Pizza essen oder lange Gespräche auf dem Parkplatz über die Ambitionen der Songs. Nach drei Wochen konnte ich sagen: "Warum nehmen wir nicht noch eine Mundharmonika?" Er: "Klar, spiel Mundharmonika!" Genauso mit Posaune oder Bongos. Insofern bin ich sehr glücklich über den Verlauf der Aufnahmen.

Dein persönlicher Favorit auf 'Sixes And Sevens'?
Für mich ist 'Getting Led' am gelungensten. Die Art, wie die drei Mädchen da singen - es klingt beinahe wie eine Kirchenorgel mit diesem Gospel-Feeling. Sie singen sonst in einer Kirche in Brooklyn. Ich hab sie mir vorher nicht angehört, sondern mich einfach auf Dans Tipp verlassen. Sie wussten genau, was zu tun war. Perfekt! Und ich glaube, dass hohe, weibliche Backgroundvocals sehr gut zu meiner Musik passen. Und sie hatten richtig Spaß mit meinen Texten, kugelten sich im Kontrollraum vor Lachen, als ich ihnen die Zeilen aufschrieb.

Parallel zur 'Gemstones'-Platte kam 2005 der Gedichtband 'Magazine' heraus. Ein Fest fürs Feuilleton. Wie gehst du mittlerweile mit den beiden Textsorten Gedicht und Songtext um?
Wenn ich Songs komponiere, versuche ich immer, die Texte direkt aus meinem Kopf aufs Papier zu bringen. So kann ich am besten auf die Musik reagieren, auch ohne zu wissen, was der Text in dem Moment aussagt. Oftmals wirken sie dann etwas spacig, aber so möchte ich es auch. Ich mag es, mich selbst zu überraschen und dem Hörer genügend Interpretationsspielraum zu bieten. Viele Songwriter bevorzugen eher Songtexte mit einer narrativen Story, aber das ist langweilig. Die Melodien nehme ich übrigens mit einem Kassettenrecorder auf, den ich immer bei mir trage. So geht nichts verloren, da bin ich abergläubisch.

Woher beziehst du die Inspirationen für das stilbunte Spektrum?
Ich habe diesmal viel John Lee Hooker und Lightnin' Hopkins gehört. Bis dahin dominierten eher 20/30er-Jahre oder Chicago-Blues der 50er, die 40er hatte ich irgendwie versäumt. Unter den aktuellen Veröffentlichungen schätze ich vor allem The Entrance Band (Psychedelic-Rock aus Los Angeles), M.I.A., Devendra Banhart oder Turner Cody, einen verkannten, weil sehr produktiven und bedeutenden Songwriter.

Was hat es mit dem Albumtitel auf sich?
Es gibt in dem Rolling-Stones-Song 'Tumbling Dice' von 1972 die Zeile "Honey, got no money / I'm all sixes and sevens and nines". Ich dachte erst, sie wären Anhänger der Numerologie [Zahlensymbolik, die auf der Annahme basiert, dass Zahlen neben ihrer mathematischen Funktion auch eine wegweisende bzw. ratgebende Bedeutung haben], aber es ist ein englischer Ausdruck für "ganz durcheinander". Der Sound gefiel mir einfach.

Wie erklärst du dir deine besonders große Popularität hierzulande?
Glaubst du, dass es so ist? Kennst du die Verkaufsstatistiken des letzten Albums? Ich weiß es nicht. In England läuft es auch sehr gut. Ich kann überall in Europa ein ausverkauftes Konzert spielen - genauso wie in New York oder Los Angeles. Die Zuschauer wünschen sich bestimmte Songs, eine Zeit lang vor allem 'Emily', und haben einen gewissen kulturellen Hintergrund. Diesbezüglich unterscheidet sich das Publikum kaum. Wenn ich aber auf Tour in den mittleren US-Staaten bin, dann tritt der Gegensatz zutage: Dort spielt man meine Songs nicht im Radio, und die Leute kennen mich überhaupt nicht. Ich fürchte, die haben nicht einmal eine Meinung zu dem, was sie tun.

Mal abgesehen von deinen Freunden, worauf freust du dich am meisten, wenn du nach Deutschland kommst?
Hm ..., das Schauspielhaus in Hamburg. Ich liebe es, in Theatern zu spielen. Viele Leute glauben, das sei zu entspannt, wollen losrocken, aber die Atmosphäre ist etwas Besonderes. Und dann diese gemütlichen Sitze! Das passt zu meinem Ansatz: Ich bin zwar Musiker, aber ich identifiziere mich auch mit Filmemachern: Wes Anderson, Woody Allen, den Coen-Brüdern oder Größen wie Federico Fellini. Sie können jede Einstellung, Schnitt oder Überblendung beeinflussen - und auch bei einem Album kann man im Bestfall jeden Aspekt des Endprodukts kontrollieren. Ein Musikalbum muss insofern immer ein Gefühl von gutem Kino vermitteln.

Wie ist deine Meinung zu den sich abzeichnenden Kandidaten für das Amt des amerikanischen Präsidenten?
Zu diesem Zeitpunkt würde ich bei den Demokraten für John Edwards stimmen. Aber ich sehe ihn nicht in der Position, bei der Entscheidung eine Rolle zu spielen. Also wähle ich Obama, nur um meine Stimme nicht Clinton zu geben. Es wäre doch schrecklich, wenn zwei Familien die Geschicke der USA über einen Zeitraum von 30 Jahren leiten würden. Bislang hab ich immer die Grünen-Partei gewählt, aber diesmal bin ich unsicher. Es ist im Grunde die Wahl des kleineren Übels. Nach der TV-Debatte war ich dennoch positiv überrascht von Obama. Er scheint ein geeigneter Kandidat zu sein. Aber Politik steht bei mir nicht im Mittelpunkt - und ich denke, dabei wird es auch bleiben.

Hast du einen Einblick in die deutsche Musikszene?
In gewisser Hinsicht schon, aber nicht in dem Maße, darüber eine dezidierte Meinung zu vertreten. Ich höre sie mir gerne an, auch wenn ich nichts verstehe. Generell kann ich nicht nachvollziehen, warum überhaupt irgendjemand in einer anderen Sprache als seiner Muttersprache singen sollte. Das ist doch absurd. Ich verstehe, dass oft kommerzielle Gründe dahinterstecken oder die Bands ihren Radius erweitern wollen, aber es widerspricht jeglicher Authentizität. Es gibt Ausnahmen, wie zum Beispiel Herman Düne, die auf Englisch singen. Aber vielleicht wäre es mit französischen Texten sogar noch besser?!

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Intro #158