Vergnügt lärmender Schrammelrock: Die Aeronauten in der Hansastraße 48



Sind die Herren Aeronauten zu gut für diese Welt? Die aktuelle "Best of"-Zusammenstellung formuliert es so, das Tour-Plakat setzt der Aussage spitzbübisch ein Fragezeichen hinten dran. Beim Konzert in der Hansastraße 48 können sowohl Musiker als auch die zahlreichen Fans in Erinnerungen schwelgen. Hauptsache, das Leben reimt sich. Oder auch nicht.

In den 80ern passte die klar abgesteckte Trennung von Sympathie und Antipathie noch: Da waren die Bösen noch die Bösen, echte Feinde noch echte Feinde, aber richtige Freunde auch richtige Freunde.In Zürich und Schaffhausen ("Schaffhausen ist eine Illusion / wenn ich nicht hinseh', ist es weg") stehen die Zeichen für Olifr Maurmann, Sänger und Gitarrist bei den Aeronauten, auf Protest. Und die alte Punkkapellen-Vergangenheit, die der Band nachgesagt wird, scheint zwischen den Zeilen und Tönen stets gegenwärtig zu sein. Doch der Punkrocker wird älter und erschrickt vor den Veränderungen in seinem Leben – bevor er sie akzeptiert und schließlich anfängt, "sich für Countrymusik zu interessieren".

Die Aeronauten leben eidgenössischen Frohsinn, der seine besten Momente hat, wenn Maurmann seine absurd banalen Alltagserörterungen gleichsam weidwund und lakonisch über den vergnügt lärmenden, spröden Schrammelrock schreit. Und das verströmt soviel Ehrlichkeit, vielleicht auch dank der brüchig dunklen Stimme. Der Autonomen-Hit Freundin ("Sie sitzen herum auf dem Fenstersims und klatschen danach noch die Nazi-Skins / Doch ich will lieber eine Freundin, ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen") kann ein Lied davon singen.

Doch da ist mehr als nur der Vergleich zu Superpunk, Huah! oder Die Regierung. Liegt es an der dezent wabernden Orgel, der Bläserfraktion (Roger Greipl am Saxofon, Roman Bergamin an Trompete und Posaune) mit Funk/Soul-Wärme und eingängigen unisono-Sätzen? So kommt bisweilen ein Mariachi-Sound zustande, der nicht exakt, aber passend, nicht schön, aber gut klingt.

Bei der geballten, sechsfachen Manpower auf der Bühne passiert immer etwas, spontane Ideen, Instrumentenrotation und eine gesunde Portion Ausgelassenheit inklusive. Bestes Beispiel: Patatas mit Greipls flinker Zunge für die französischen Silben. Im halbstündigen Zugabenblock befreien sich die Aeronauten vom starren Konzertprogramm und brechen in Freistil aus, vergnügen sich und uns mit schwyzerdütschen Gesangseinlagen. Nach fünf Langspielplatten nun also Best of plus einige rare Veröffentlichungen: Das riecht alles irgendwie nach Abschied. Doch die Aeronauten versprechen, wiederzukommen. Nehmen wir sie also beim Wort!

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 13.11.2004 01:00