Man singt deutsch III – Angelika Express

Vor über 20 Jahren rollte schon einmal eine Neue Deutsche Welle (kurz: NDW) übers Land und spülte Nena, Trio, Spliff, Ideal, Markus oder Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile scheint es eine Entwicklung zu geben, dass sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache ausdrücken und mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vorstoßen. „Die Glocke“ stellt sie in dieser Reihe vor.

Das Label heißt Paul, die Texte sind deutsch, Peter Hein von den legendären Fehlfarben tritt als Gastsänger auf: Angelika Express arbeiten anscheinend auf geerdeter Basis. Robert Drakogiannakis (Gitarre, Gesang), Jens Bachmann (Bass) und Alex Jezdinsky (Schlagzeug) geben denjenigen Musikinteressierten einen Halt, die auf der Suche nach authentischen Bands aus authentischen Zusammenhängen sind. Mit selbsternanntem Power-Pop mischt das Kölner Trio seit den zwei Alben „Angelika Express“ und „Alltag für alle“ jede Menge Ideen, Wortwitz und musikalisches Entertainment zu einem energetischen Extrakt. Besonders in der Live-Situation wirkt der Spagat von Krach und Pop, Disco und Punk, Harmonie und Stress, Härte und Hochgefühl, erarbeitet durch die Erfahrung von 100 Konzerten pro Jahr.

Roberts Texte umschreiben Alltagsbeobachtungen und zeigen die Unbekümmertheit im Umgang mit der deutschen Sprache. Ihr Mini-Hit „Geh’ doch nach Berlin“ beweist es: „Was sind das für Leute / Schlechte Bezahlung, schlechte Musik / ein Klo zum Wohnen / ‘ne Wohnung als Klo“. Den vielen Zurückgebliebenen verhalf die Aussage des Anti-Zentralisierungs-Songs wieder zu etwas Stolz, der durch den vermeintlichen Standortnachteil schon längst verloren zu sein schien.

Aber es geht nicht nur um selbstverliebte Binsenweisheiten, düstere Endzeitpostulate oder realitätsvergessene Parolen zur ewigen Jugend, es dreht sich teilweise auch um das Dilemma der eigenen Identität. Über den Song „Meine eigene Republik“ sagt Robert: „Wer von Identitätskrisen geschüttelt wird, sucht sich gerne einen Platz, der noch nicht auf der Landkarte der Mittelmäßigkeit verzeichnet ist. Aber auf der Suche nach Liebe und Harmonie wurde man schon tausend Mal in die Fallgruben scheinbarer Geborgenheit gelockt. Nicht ohne Trotz formulieren wir den Verlust des geraden Wegs an diesen Ort.“ Doch die Kölner können auch anders: Die aktuelle Single „Rock Fucker Rock“ gibt sich wesentlich hedonistischer, verlangt nach körperlicher Liebe, Rausch und lauter Musik. Charmant ausgedrückt heißt das: „Lass uns aufhören zu reden – AC/DC, Iron Maiden!“.

Henrik Drüner