Beady Belle

 

Die Electronica-Szene Norwegens genießt mittlerweile ähnlich große Aufmerksamkeit wie die Jazz-Community des skandinavischen Landes. Das Duo Beady Belle, bestehend aus Sängerin Beate S. Lech und Marius Reksjø am Bass, nutzt auf seinem dritten Album „Closer“ (Jazzland/Universal) beide Seiten der genreübergreifenden Szene in Oslo. Denn so richtig festlegen möchten sich Beady Belle nicht: „Es sind definitiv Jazz-Elemente enthalten, aber ein Begriff wie Vocal Jazz würde unsere Musik zu sehr limitieren. Richtig ist aber, dass ich eine Jazz-Attitüde verspüre, wenn ich die Songs singe. Ich kümmere mich dann nicht um Moden, sondern bin ganz ehrlich mir gegenüber“ betont Lech. Trotzdem klingt die Mixtur aus Pop, Breakbeats („Goldilocks“), R&B („Irony“) und Ambient sehr modern und zeitgemäß - ein kalkulierter Gegensatz, der eine ungeheure Intensität birgt.

Songs, Texte und Arrangements stammen von Lech, die satten Basslinien und Rhythmen von Produzent Reksjø. Beide kennen sich bereits aus den Formationen Insertcoin und Folk & Røvere und wissen die Erfahrung zu schätzen: „Meistens arbeiten wir zu Beginn getrennt an den Songs, bis kurz vor den Aufnahmen, wo es zum Zusammenschluss kommt“ erzählt die Uni-Absolventin. „Wenn wir beiden gleichzeitig genau in dieselbe Richtung steuern – dann ist das jedes Mal wundervoll!“

Oft gezogene Vergleiche zu Sade oder Joni Mitchell werden verständlich bei „Never Mind“ und dem Titelsong „Closer“. Beate Lechs Timbre ist dennoch einzigartig, sinnlich und doch akzentuiert. „I don’t believe their answers behind the obvious“ singt sie bei „Skin Deep“. In den Texten verwendet sie bevorzugt Fragen und Gedanken, ohne deren Antworten zu kennen. Ein offenes Feld, ähnlich der Vorgehensweise im Studio, wo Bugge Wesseltoft (Fender Rhodes), Jørn Øein (Keyboards) und Erik Holm (Schlagzeug) nicht als Gäste oder Musiker angesprochen werden, sondern als individuelle Künstler. „Sie sollen die Freiheit nutzen, ihre Visionen mit einzubringen. Wenig Noten, viel Improvisation, unendliche Möglichkeiten.“ Wesseltoft gibt als Jazzland-Labelchef dieses Vertrauen zurück, indem er kaum Regeln aufstellt. „Die einzige Bedingung: Bugge muss es mögen, ungeachtet des Genres. Er sagt immer: "'Spiel, spiel, zeig der Welt dein Herz!’ und lässt uns machen.“ Nach dem Debüt „Home“ (2001) und dem Nachfolger „Cewbeagappic“ (2003) konnten sich Beady Belle erneut steigern. Es heißt, Beates Mutter habe beim ersten Hören von „Closer“ eine wesentlich stärkere Nähe empfunden. Und die muss es ja wissen.

Henrik Drüner