Serie „Man singt deutsch“ – Teil 22: Bernd Begemann


„Pop bedeutet ja, dass es jetzt ist“, philosophiert Bernd Begemann, eher so nebenher. Dabei sagt es so viel aus über ihn, den Gitarre spielenden Sänger und sein aktuelles Album „Unsere Liebe ist ein Aufstand“. Begemann startet einen Neuanfang, umgeben von guten Freunden. Auf der Bühne ist es „Die Befreiung“, die dem gnadenlosen Entertainer den Rücken freihält: Kai Dohrenkamp ( Keyboards), Ben Schadow (Bass) und Achim Erz am Schlagzeug.
Die Drei machen ihn wirklich zu einem vollwertigen Bandmusiker - vor Jahren noch undenkbar.

Zwar bleibt Begemann eindeutig zentrales Glied, doch keineswegs isoliert von dem Trio, sondern eingebunden in den Sound und die Arrangements der Songs. Dank des perfekt aufeinander abgestimmten Bandgefüges bekommen diese einen wesentlich strafferen Charakter, klingen rockiger und musikalischer. Besonders der Titelsong, „Ich lerne täglich dazu“ oder „SeifenoperSituation“ legen darüber Zeugnis ab, dass tatsächlich eine Befreiung im Begemann-Kosmos stattfindet. Denn auch die Balladen mit den tieftraurigen Texten wie „Wir träumen von Liebe“ oder „Es wird noch ein sehr schöner Tag werden“ bieten eine verstärkte Struktur und instrumentalen Halt.

Der Weg als Musiker führte Begemann von Bad Salzuflen - der Urzelle des deutschen Singer/Songwritertums - aus nach Hamburg und in die weite Welt: Seit 1987 veröffentlicht er seine deutschsprachigen Lieder, anfangs noch mit „Die Antwort“, seit 1993 und der Langspielplatte „Rezession, Baby“ auch als Solo-Künstler. Im Laufe der Jahre erspielte sich der verkappte Dandy mit Hits der Marke “Oh, St.Pauli“, „Gut im Bett“, „Judith, mach deinen Abschluss“ oder „Fernsehen mit deiner Schwester“ eine treue und begeisterungsfähige Anhängerschaft.

Charakteristisch für seine Texte scheint die Affinität zur erfüllten und nicht erwiderten Liebe und allgemein zu Zwischenmenschlichkeiten jeglicher Couleur zu sein. Oft bringen die herzerweichenden Liebeslieder mit den zärtlichen Melodien den Hörer durch den Tag, bieten Zuflucht vor der Kälte des Alltags. Denn Begemann öffnet Türen, wenn er es immer wieder schafft, die Wahrheit in wenige treffende Worte zu packen.

Auf der Bühne hat Begemann viele Gesichter: Das wohl prägendste zeigt den Hamburger als charmanten Romantiker und Frauenschwarm. O-Ton Begemann: „Frauen wollen mich, und Männer wollen so sein wie ich“. Dabei versprüht er Sexappeal, tanzt, schwitzt, hadert, nuschelt und schwafelt. Doch einen Augenblick später kann er auch den arroganten Egomanen mimen, der äußerst schlagfertig unqualifizierte Zwischenrufe aus dem Publikum mit bissigen Kommentaren kontert. Geben und Nehmen, Macho und Weichei – diesen Spagat beherrscht kein anderer deutscher Künstler so wie Bernd Begemann.

Im Song „Ich bin dann soweit“ vom vergangenen Album „Endlich“ singt er: „Ich bin ein anderer Mensch als der, den du von gestern kennst.“ Trotz der Neuerungen hier die Entwarnung: Er ist ganz der alte Begemann. Henrik Drüner

aktuelles Album: Bernd Begemann & Die Befreiung „Unsere Liebe ist ein Aufstand“ (Grand Hotel van Cleef/Indigo)