Verbales Sperrfeuer vor einem Meer aus Mittelfingern

Bushido im MAX

Von Henrik Drüner

 

Auf der einen Seite die jungen Fans, die jedes Konzert anschließend in den Online-Foren als „HAMMA!“ beschreiben. Auf der anderen Seite die erbosten und besorgten Eltern, die gegen das Idol ihrer Zöglinge Sturm laufen. Präziser: gegen dessen Songtexte und zweifelhaften Ruf. Wie zwischen diesen Lagern vermitteln? Das Konzert im MAX wird zumindest beide Parteien in ihrer Meinung stärken. Bushido ist das Enfant terrible der deutschen Musikszene, eine polarisierende Kunstfigur.

„Wie viele Hände hat Kiel für mich?“ fragt Chakuza vom Beatlefield-Team. Tausendfünfhundert mögen es sein, von denen neunzig Prozent am nächsten Morgen in der Schule wieder Wortmeldungen signalisieren sollen. Der Linzer MC erntet mit DJ Stickle schon im kurzen Vorprogramm die geballte Euphorie des Publikums, die „Bushido“-Sprechchöre werden immer lauter, alles ist bereit. In einer Welt aus Goldketten, Huren, Drogen, Waffen und Spielkasinos hat sich der Berliner eine florierende Nische geschaffen. Auf das Lebensgefühl HipHop baut er dabei herzlich wenig: „Mir ist es vollkommen egal, ob das nun Rap oder HipHop ist, ob da Graffiti oder Breakdancing oder DJing dazugehört - ich mache Musik.“ Das Symbol des japanischen Samurai prangt vom Bühnenrücken. Es versinnbildlicht den fernöstlichen „Weg des Kriegers“, die Entwicklung von Anis Mohammed Yussuf Ferchichi zu Sonny Black zu Bushido.

Die Kapuze tief im Gesicht hängend, sprechsingt der im Song „Endgegner“: „Jeder weiß, ich bin der Staatsfeind Nummer Eins“. Das kommt an bei den Halbstarken, und beim Schreiber mischen sich beim Blick durch die Reihen Konzertrezension und Milieustudie. Nach Lust, Laune und Aufforderung sollen alle Anwesenden den Mittelfinger zeigen, sogar beidhändig. Palastrevolution im MAX, jedoch ohne große Folgen. Denn die Bandbreite der Songs bleibt im begrenzten Rahmen, sind Tempo, Live-Bass und Beats vom Schlagzeug das oft austauschbare Fundament, auf dem sich Bushido, Saad, Chakuza und später auch D-Bo verbal austoben. Zwei Klavier-Balladen sollen die Vielschichtigkeit im Songwriting unterstreichen. Guter Sound, durchaus.

„Carlo, Cokxxx, Nutten“ gibt das Motto vor, und selbst die unflätigsten Kraftausdrücke verlieren bei ihrem penetranten Einsatz an Wirkung. Thema: Abgehn! Lärm machen! Kiel fickt! Und als sei das Leben ein andauernder Wettkampf, wird das konkurrierende Schema komplett durchgezogen: Jungs gegen Mädchen, Männer gegen Frauen, Nord gegen Süd, Besoffene gegen Nüchterne. Ein weißes Handtuch hat sich Bushido über die Schulter gelegt. Wie Rocky beim Training für den wichtigen Fight, für den Endgegner. Auch er ein (Einzel)kämpfer, der sich durchboxen will.

Die Meute wird angestachelt, sich möglichst in Top3 der Tour-Charts zu schreien. So einfallslos, so animierend. Die Mutter eines 13-Jährigen wartet im Foyer. Heute steht Kiel auf dem Programm, am nächsten Abend noch das Konzert in Hamburg. Bei "Toys’R’Us" wäre er besser aufgehoben. Zu zwei umjubelten Zugaben („Nie ein Rapper“ und „Nemesis“) kommen noch einmal alle auf die Bühne. Noch einmal den Mittelfinger, und die Erkenntnis eines pubertären Fans: „Ich glaube, dass er Sympathien für Kiel hat“. 'Egal' und 'okay' sind auch Four-Letter-Words, oder?

von tvs am 11.02.2006 00:46 bei m-conspiracy:

der bericht von henrik war auf jeden fall der burna!! gut gelacht, da kam der vorn herrn meyer vor 1,5 jahren leida nicht hinterher. "egal und okay sind auch 4 letter words." hahaha