Bushido - Schaf im Wolfspelz?

 

Bis 2001 waren es die mehr oder weniger gestresste Mittelstandskinder, die das Bild vom deutschen Rap prägten. Der echte Gangsta-Rap von der Straße suchte noch sein Stimme und eine Sprache, die hart, fordernd und verletzend war. Bushido schließt diese Lücke seither mit fünf Studioalben - und verschont dabei keinen: Einstige Verbündete beim Genre-prägenden „Aggro Berlin“-Label wurden mittlerweile zu beliebten Diss-Gegnern. Doch trotz Index-verdächtiger Kraftausdrücke wirkt der 27-Jährige aus Berlin-Tempelhof im Gespräch keineswegs wie der „Staatsfeind Nr. 1”, so der Titel seiner aktuellen CD.

Musst du heutzutage provozieren, um aus der Masse an Veröffentlichungen hervorzustechen?

Hier in Deutschland gibt es eigentlich nur acht Rapper, die kommerziell Erfolg haben: fünf in Berlin und drei weitere auf Westdeutschland verteilt. Insofern ist die Masse nicht der Punkt. Klar, wenn du etwas anderes machst als andere, genießt du Aufmerksamkeit. Aber bei mir war da kein Plan dahinter.

Du lebst also deine Texte vor?

Sicher hat man in der Musik viel Platz, kreativ und fiktiv zu sein. Doch ich versuche, so authentisch wie möglich zu wirken. Das bringt dir letztendlich auch den Respekt bei den Leuten auf der Straße - die nehmen mir das ab, worüber ich schreibe.

Wie erklärst du dem normalen, erwachsenen KN-Leser deine Ausdrucksweise in den Texten?

Klar, die meisten sagen, das sei extrem primitiv oder provokant…da gibt es genug Adjektive, die man mir anheften könnte. Die Skepsis ist auch durchaus begründet. Mein Rat: Die sollen sich mal ein bisschen locker machen, nicht so versteift an die Sache herangehen. Wenn man mich live gesehen oder mit mir ein Interview geführt hat, dann merkt man, dass das alles nicht so böse und so schlimm ist, wie es sich auf CD anhört oder in den Videos aussieht. Der erste Eindruck zählt, aber wer mich kennen lernen will, dem biete ich das auch an. Wir sind definitiv keine Schlägertypen oder Rowdys auf der Bühne…

…eine kriminelle Vergangenheit kennst du aber doch sehr gut…

…ja, stimmt. Aber das ist auch kein Grund, um ausgeschlossen zu werden. Die Sachen, die ich verbrochen habe, würde ich als 'normaler' bezeichnen als einen ganz korrekten Werdegang mit Schule, Abitur, Studium usw. Die Gesellschaft gibt diese Normen vor - aber es ist doch genau das Gegenteil der Fall. Woher kommt denn sonst diese ganze Unzufriedenheit? Meine Mutter ist anders aufgewachsen, fand anderen Sachen normal. Aber bei meinen Fans ist eine Vorstrafe nicht unnormal. Man sollte vielleicht ein wenig unvoreingenommener an vieles herangehen.

Fühlst du dich denn als Staatsfeind Nr.1?

Das ist zwar plakativ, aber ich find den Titel auch cool. Es gibt sicher Leute in diesem Land, die noch unbeliebter sind als ich, aber das sind meistens keine Musiker. Ich bin jemand, dem ganz normale Scheiße passiert, und für die ich oft auch selbst verantwortlich bin. Doch viele Leute haben mich schon sehr früh abgestempelt, zum Beispiel durch die Linz-Geschichte. Da war ich für viele schuldig, obwohl ich nur in U-Haft saß. Sonst werde ich oft als Frauenfeind oder schwulenfeindlich dargestellt. Es gab sogar die Diskussion, ob ich rechtsradikal sei. Viele Instanzen haben mich da mit einer enormen Energie bearbeitet - die wollten mich mundtot machen.

Wie reagierst du darauf?

Ich denke mal, ich hab mich schon gut assimiliert, aber irgendwann kommt der Punkt, ab dem ich sage: Hier ist jetzt die Grenze. Wenn du darüber gehst, dann piss ich zurück. Zum einen verbal, aber auch in meinem Verhalten. Aber ich würde niemanden Schläge androhen. In Linz war es so, dass sechs, sieben Leute meinem Wagen kaputt gemacht haben. In unseren Kreisen wird dann nicht lange diskutiert. Da wird geschubst oder mal eine Schelle verteilt. Die schwere Verletzung bei dem einen war nicht okay. Ich möchte mich nicht rechtfertigen, aber zumindest erklären, was wirklich passiert ist. Was die Leute letztendlich daraus schließen, ist deren Sache.

Der 'Bushido', der traditionelle Weg der Samurai, beinhaltet als einen zentralen Punkt ihrer Lehre die völlige Loyalität gegenüber dem eigenen Herrn. Siehst du Parallelen?

Das ist Auslegungssache. Ich bin zumindest sehr gläubig und gottesfürchtig. Loyal verhalte ich mich meiner Familie gegenüber, also meine Mutter und mein Bruder; ansonsten sehr guten Freunden, die ich fast zu meiner Familie zähle. Einige Punkte der Samurai sind bei mir großgeschrieben: Ehre, Stolz, Loyalität. Insofern ist der Name auch bewusst ausgewählt - und wesentlich cooler als Günther MC, oder so. Selbst meine Mutter nennt mich mittlerweile schon Bushido.

Wie sieht die Besetzung auf der kommenden Tour aus?

Auf der Bühne sind Saad, D-Bo und ich als MCs, dann noch Chakuza und DJ Stickle vom Beatlefield-Team aus Linz, die auch das Vorprogramm machen. Außerdem hab ich einen Drummer und einen Bassisten dabei. Die fünfte Tour in 13 Monaten - aber ich verdien’ mittlerweile so gut, dass ich nichts anderes machen muss.

7. Februar, 20 Uhr, MAX.

http://www.kn-online.de/news/archiv/?id=1795190


Discographie:
2001 „King of Kingz“
2002 „Carlo, Cokxxx, Nutten“ mit Fler aka Frank White
2003 „Vom Bordstein Bis Zur Skyline“
2004 „Electro Ghetto“
2005 „Carlo, Cokxxx, Nutten II“
2005 „Staatsfeind Nr. 1”