Des Musikers fiktive Nabelschau - Aaron Cometbus und Nagel im Subrosa


Kiel – Punkrock ist weniger eine Frage der Frisur, denn der Herangehensweise. Zwei Musiker haben sich verdient gemacht, indem sie nicht nur auf dem musikalischen Weg die Botschaft dieses Musik- und Lebensstils transportierten, sondern auch in literarischer Hinsicht. Bei der Doppel-Lesung im Gaardener Subrosa beweisen Aaron Cometbus und Nagel, wie vielfältig das Ergebnis einer solchen Verschriftlichung ausfallen kann.
Egal, ob auf Deutsch oder Englisch, im Sitzen oder Stehen.

Den Anfang macht Nagel, 30-jähriger Sänger und Gitarrist von Muff Potter. Sein druckfrischer Debütroman "Wo die wilden Maden graben" kombiniert Tourgeschichten einer fiktiven Band und den Rückblick auf die Provinzjugend, einer dörflichen Tristesse im Münsterland zwischen Zeltfesten und Schlägereien mit rechtsradikalen Bundeswehr-Rekruten. Dass Parallelen zur eigenen Band vielmehr offensichtlich als zufällig sind, kommentiert Nagel mit einem Schmunzeln. Nicht ohne Grund heißt ein Muff Potter-Song "I Love Fahrtwind", der das Streben nach Mobilität und das Ausbrechen aus dem starren Korsett einer oftmals klein karierten Punkszene thematisiert. Das Buch als Ventil und Spiegel der Bandhistorie.

Insofern prallen Monotonie und vermeintlicher Glamour ungebremst aufeinander, beispielsweise beim ritualisierten Halt an Autobahnraststätten und dem schlechten Gewissen gegenüber Klofrauen und deren mahnender Untertasse. Zwar hat man Ähnliches schon in den Tocotronic-Tourtagebüchern von Thees Uhlmann oder Heinz Strunks Vergangenheitsbewältigung als Tanzmucker gelesen, aber es bleibt trotz alledem sehr unterhaltsam. Die Lesung gewinnt vor allem durch Nagels Spaß bei der Sache, wenn er das Buch beiseite legt und private Anekdoten einstreut oder im Textfluss stoppt: "Ey, ich habe einen Fehler gefunden: Hier steht Basketball statt Volleyball!"

Bei Aaron Cometbus aus New York dreht sich vieles um die Veränderungen der Punk-Subkultur, die er seit über 20 Jahren begleitet und als wichtiger Protagonist der US-Szene ebenso prägt. Auch Cometbus' Roman "Doppelzwei" und andere Kurzgeschichten sind quasi autobiographische Erzählungen, die unter anderem das Leben einer Wohngemeinschaft im kalifornischen Berkeley näher bringen. Ständig abgebrannt, unglücklich verliebt, auf der zwanghaften Suche nach was auch immer, streunen die Charaktere durch das Werk. Im Wechsel mit Tourbegleiter Jörn Morisse, der Ausschnitte der deutschen Übersetzungen vorliest, kommt die ganze Detailfülle und lebendige Atmosphäre mit teilweise hippiesken Auswüchsen zum Vorschein.

Weniger Pointen als in Nagels Text, aber sicherlich gehaltvoller. Im zerschlissenen T-Shirt schmiegt sich Cometbus an die Stehlampe und trägt mit eindringlicher Stimme vor: Vom fanatischen Vegetarier, der nur im Stehen Fahrrad fährt, um nicht den Ledersattel zu berühren, von der brütenden Sommer-Hölle in New York, vom Fußmarsch durch die USA im Stile Forrest Gumps sowie von zwei elementaren Fragen: Wie soll man jemanden kennen, wenn sich nicht einmal selber kennt? Wie soll man jemanden lieben, wenn sich nicht einmal selber liebt?

 

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2071785