Culcha Candela auf der „Unser Norden“-Bühne

 

Kiel – Sechs Sänger stehen nebeneinander auf der Bühne, decken fast die gesamte Breite ab. Mit ihren knallend farbigen Kapuzenpullis setzen sie optische Akzente, auch für diejenigen, die in der Ferne die „Unser Norden“-Bühne zumindest erahnen können. Unvorstellbar, aber Culcha Candela schaffen es, die Zuschauermasse im Vergleich zu Fury in the Slaughterhouse und Bad Religion noch einmal zu übertreffen. Gemeinsam mit den Fußballanhängern zelebrieren sie ihren Gute-Laune-Partymix.

Es gleicht einer riesigen, juvenilen Fanmeile. Alles in gleichgeschaltetem, schwarz-rot-goldenem Einheitsdress. Das Konzert der Berliner Band bekommt so Züge eines ausgedehnten Aufwärmprogramms zum anschließenden Halbfinalspiel. Doch für Culcha Candela sind diese Bedingungen beinahe eine Steilvorlage. Nicht nur sprachlich wirbeln Itchyban, Lafrotino, Larsito, Mr. Reedoo, Don Cali und Johnny Strange durch ihr Repertoire. Es hat teilweise sogar Boygroup-Charakter, wenn die Zeremonienmeister schicke, synchrone Tanz-Choreographien aufs Parkett legen und ständig in Bewegung sind. Dank der internationalen Besetzung mischen sie Texte auf Spanisch, Englisch, Patois und Deutsch, lassen in dem Multikulti-Tiegel Salsa, Reggae/Dancehall und HipHop-Groove ungebremst aufeinander prallen. Im futuristisch anmutenden DJ-Pult in Form einer Raumkapsel sorgt Chino con Estilo für den Bass-Teppich, füttert die Songs mit Beats und Samples.

Ein großes Spektrum decken die Songthemen ab: Politisch korrekt berichtet Johnny Strange in einer Ansage von Kindern, die in seiner Heimat Uganda in den Krieg geschickt werden. Darauf aufbauend richtet er den Appell an die Fans, für eine bessere Zukunft zu kämpfen, für Toleranz und Respekt. Doch da hatten Culcha Candela einen ihrer Hits, „Chica“, bereits gespielt, der auch ihre andere, etwas plumpe Seite offenbart: „Ey Du geile Sau, ich hab was du brauchst / Schau mich nicht so an, du willst mich doch auch / Dein Blick zieht mich an, mein Blick zieht dich aus / Ich bin dein Geschenk, komm und pack mich aus“. Trotz dieser Extreme verstehen es die sechs MCs, Spaß und Anspruch ohne großen Reibungsverlust überzeugend unter einen Hut zu bringen.

Mit Live-Percussion und A-capella-Intros untermauern sie ihre musikalischen Fähigkeiten, setzen ansonsten auf das gewohnte Massenpublikumunterhaltungsprogramm: Songs wie „Solarenergie“ werden kalkuliert abgebrochen, um im zweiten Anlauf noch mehr Begeisterung heraus zu kitzeln, Mädchen dürfen laut schreien, Jungs scheitern kläglich bei dem Versuch, dagegenzuhalten, alle laufen nach links, nach rechts, setzen sich hin, springen auf, werfen die Hände in die Luft. Wie Morgengymnastik in fernöstlichen Großbetrieben.

Doch hier feiern die Ausübenden ausgelassen bei „Partybus“, „One Destination (Wir wollen’s schneller)“ und schalten beim entspannt fließenden Stück „Besonderer Tag“ einen Gang zurück. Am Ende wird die Band zurück auf die Bühne geklatscht und erntet die Ovationen der jungen Fans. Eindrucksvoll, wie Culcha Candela mittlerweile die Lücke zwischen Gentleman und Seeed, auch in kommerzieller Hinsicht, schließen konnten. Übrigens: Wer die Bühne und die Akteure aus der Entfernung nur schemenhaft erkennen konnte – Ende Juli erscheint die Live-DVD.