De-Phazz

Ein Flirren im Raum

Ein Themenfeld kommt im Interview mit Pit Baumgartner und Otto Engelhardt von De-Phazz immer wieder zur Sprache: Nachahmung, Imitation und Fälschung. Doch es nicht die negativ assoziierte Ausprägung, mit der sich die Heidelberger Band international einen Namen gemacht hat, sondern die aufwändig konzipierte Beherrschung dieser Kunstform. Das aktuelle Album „Natural Fake“ (Universal Jazz) steht als tönender Beweis für das Spiel mit Zitaten.

Über den Dächern von Hamburg, mit Blick auf die grau dahinfließende Elbe, lassen sich solche Gedankengänge sicherlich leichter spinnen. Schon der Albumtitel bezieht sich auf diese natürlich wirkende Fälschung. Oder ist eine ungekünstelte Nachahmung gemeint? Otto 'Sugarlip’ Engelhardt hatte die Namensfindung zumindest an einem ungewöhnlichen Ort: „Die bildhafte Entsprechung kam, als wir für das Foto-Shooting bis zum Hals in einem Seerosenteich standen, mit Tang zwischen den Füßen, immer darauf bedacht, nicht auszurutschen. Als ich das erste Polaroid sah, kam es mir sehr artifiziell vor, ganz so, als hätten wir tagelang im Studio an diesem Effekt gearbeitet.“ Der Posaunist geht noch weiter ins Detail: „Es gibt diese verschiedenen Ebenen, die ineinander spielen und so einen schillernden Effekt erzeugen: zum einen die digitale Studiowelt mit Samples, zum anderen aber auch analog aufgenommene Stimmen und Instrumente. Es geht nicht darum, eine scharfe Grenze zwischen Authentischem und Nichtauthentischem ziehen zu wollen, sondern um das Flirren dazwischen. Dieses Nichtentscheiden-Können ist ein wesentlicher Charakterzug von De-Phazz.“

Ausgehend von Baumgartners Mastermind-Projekt „Destination: Future Jazz“ (bald gekürzt in den jetzigen Namen) entwickelte sich innerhalb der fünf Studioalben ein gewachsenes Bandgefüge. Zusammengeschweißt durch die zahlreichen Tourneen in Europa, Russland und Kanada fanden sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zum gemeinsamen Nenner De-Phazz zueinander. „Zwar muss man sich immer wieder neu arrangieren, aber dadurch entstand auch der spezielle Humor innerhalb des Teams, der sich beispielsweise in den Texten ausdrückt“ beschreibt Pit Baumgartner die Zusammenarbeit. „Detunized Gravity“ hieß das Debüt von 1997, das noch verstärkt elektronische Elemente beinhaltete: instrumentale Tracks mit einer kühleren Atmosphäre zwischen TripHop („Roses“), Drum’n’Bass („Homesick Inc.“) oder Jungle („Nameless Life“). Es folgten „Godsdog“ (1999) inklusive dem Hit „Mambo Craze“, „Death By Chocolate“ (2001) mit der Melange aus so gut wie allen musikalischen Elementen moderner Pop-Musik - zuckersüßes Songwriting, Latin-Rhythmen, Easy Listening und Schlager-Kitsch - sowie das gleichgesinnte „Daily Lama“ (2002).

Doch nun soll die Lounge-Ecke geräumt werden, um Platz für Veränderungen zu schaffen. Produzent Baumgartner: „Ich habe sehr viel Gitarre gespielt in den letzten zwei Jahren. Dabei gehe ich wie mit den Samples vor: Ich spiele stundenlang in den Computer ein, um am Ende zwei Sekunden zu nutzen, von denen ich glaube, dass sie im Radio laufen könnten. Neu ist auch das Bewusstsein, mit dem wir jeden Song angefangen haben. Man weiß zwar nicht, was dabei herauskommt, aber doch, was man machen möchte und was nicht.“ Doch im täglichen Kontakt mit dem Songmaterial verlor auch der 46-jährige Perfektionist nach einem Jahr den Überblick: „Am Ende wusste ich gar nicht: Bin ich jetzt da gelandet, wo ich eigentlich hinwollte oder bin ich nach wie vor am Ausgangspunkt, und merke es bloß nicht?“

Insgesamt scheint „Natural Fake“ eher für die Bühne konzipiert, zumal die Tour-Erfahrungen zwangsläufig dazu führen, im Studio daran zu denken, wie ein Song live umzusetzen ist. „Auf der Bühne gehen die Uhren anders: Da reißen die Musiker das Heft an sich und versuchen, sich gegenüber dem Computer zu emanzipieren. Das ist spannend und birgt immer Überraschungen, aber gleichzeitig auch eine Unsicherheit“ sieht Engelhardt den Reiz des Live-Moments. „Da zählt die 'Jazz-Attitüde’. Die Zuschauer sollen nach einem Konzert mit dem Gefühl nach Hause gehen: Das war De-Phazz an diesem Ort, an diesem Datum – und ich war dabei! Am nächsten Tag wird es etwas anderes sein, auch bei gleichem Programm. Eine CD dagegen ist eher für die, na ja, Ewigkeit.“ Sein 'Chef’, der vor jedem Auftritt von gehörigem Lampenfieber (“Ich sterbe jedes Mal!“) heimgesucht wird, kennt dieses Gefühl: „Ich bin dabei auch nur Gast und höre zu, wie sich die Stücke entwickeln. Ein Beispiel: Im Verlauf der letzten Tour konnte ich am Laptop eine Spur nach der anderen löschen, weil sie nicht mehr nötig waren. Die Musiker haben dadurch immer mehr Gewicht bekommen.“ Auch beim Songwriting fungiert Baumgartner als Kopf unter Gleichgestellten. Entweder die Stücke kommen allein aus seinen Händen oder sie sind so frei konzipiert, dass im Studio alles möglich ist. Als Hausherr genießt er zwar Heimvorteil und gibt auch die meisten Idee vor, doch die Kollegen müssen sich nicht zwangsläufig anschließen. „Manchmal erzeugt gerade die bewusste Gegenwehr der vorgebrachten Skizze den besonderen Reiz“ bestätigt Engelhardt den unvorhersehbaren Prozess. „Es gibt kein verbindliches Rezept, wie ein Song entsteht!“ Die bewährten (Gast)Musiker wie Adax Dörsam (Gitarre, Banjo, Blues-Harp), Frank Spaniol (Saxofon) oder Eckes Malz (Piano, Akkordeon) bringen alle ihre Inspiration mit ein und stützen im Miteinander den weiteren Verlauf. Engelhardt: „Es gibt Dinge, über die muss man nicht reden. Die probiert man einfach aus, sammelt Material, sichtet und schneidet es anschließend.“ Zumal erst nach einem Bühnenjahr und der individuellen Entwicklung der Albumprozess abgeschlossen sei: „Pit entspricht nicht einem Produzenten-Guru, der in seiner Studio-Gruft arbeitet, Dinge macht, die keiner versteht, und eines Tages sein geniales Werk raushaut. Stattdessen müssen genügend lose Enden übrigbleiben, an denen wir in der Live-Situation ansetzen können. Dadurch entsteht auch eine Reibungsfläche zwischen dem Streben nach Beständigkeit im Studio und dem Loslassen auf der Bühne.“ Am besten sei es, wenn der Song den Weg weise, setzt Baumgartner einen würdigen Schlusspunkt.

Auffällig bei De-Phazz-Alben ist die Songzahl, die mit 18 wieder einmal über das übliche Maß von einem Dutzend hinausgeht. Die beiden Protagonisten, die sich trotz ihrer Heterogenität kongenial ergänzen, begründen die Quantität damit, dass jedem Sänger und jeder Sängerin ein gewisses Kontingent an Songs – speziell für die Tour – zustehe. Pat Appleton, Barbara Lahr, Karl Frierson oder Angie Jones werden als feste Punkte im De-Phazz-Koordinatensystem mit dieser Lösung sehr zufrieden sein. Zwischen beschwingter Unverbindlichkeit und pedantisch genauer Detailarbeit, zwischen 'Akustischer Tapete’ und mitreißendem Live-Act liegen die Extreme der Band, der es manchem Kritiker an Tiefe und musikalischem Gehalt fehlt. Vielleicht liegt diese gewisse Belanglosigkeit in der sehr komprimierten Produktionsform begründet: Labelmacher Baumgartner - seit 2001 existiert “Phazz-a-delic“ mit Partner Haluk Soyoglu - arbeitet ohne große Ausschläge des Equalizers. „Selbst ein Heavy Metal-Stück würde bei mir so klingen, dass du es im Café hören könntest. Dieses Aufdringliche im Sound mag ich persönlich gar nicht!“

Songs wie „Dépression Royale“ oder „Who The Pop Cares“ entsprechen den bewährten Rattenfänger-Mitteln der vergangenen Veröffentlichungen, während „Backstreets Of My Mind“ mit tollem Background-Chor oder der ansteckende Groove von „Close To Jazz“ begeistern. Und scheinbar zeitlos sind: „Mich reizt es, Stile auszuprobieren, denen man nicht anhört, 2004 entstanden zu sein“ erklärt Baumgartner schmunzelnd den ersten Höreindruck. Engelhardt führt hierzu das „afrikanische Modell“ an – und muss es angesichts der Unkenntnis am Tisch ausführen: „Es geht dabei um das Kopieren von erfahrenen Menschen und Musikern. Kein Lernen und Regeln aneignen mit Büchern im akademischen, europäischen Sinne, sondern im Austausch, gemischt mit dem Drang nach persönlichem Ausdruck.“ Da hakt der Kollege ein: „Bei mir ist eine Fälschung im kujau’schen Stile immer enthalten, da ich mich nicht als Komponist, sondern als Produzent sehe. Insofern macht es mir Spaß, Plagiate von bereits Bestehendem zu basteln und eine gewisse Eigenständigkeit hinzuzufügen.“

Die Konzerte ab April, die De-Phazz auch ins Baltikum und nach Skandinavien führen, werden wieder zeigen, dass die Anhängerschaft genau diese Mischung hören möchte. Henrik Drüner

 

In Kiew standen zehn Fernsehteams am Flughafen, um De-Phazz zu empfangen und selbst die Autobahn wurde wie bei hochrangigen Staatsgästen abgesperrt. Andere, wichtigere Erfahrungen gab es jedoch in Belgrad, als die Moderatorin eines lokalen Radiosenders davon erzählte, wie die Redaktion bei Raketenangriffen aus dem Hochhaus in die Bunker flüchtete. „Da merkte ich, wie einseitig unsere Berichterstattung ist. Denen war ganz egal, ob die Raketen von der NATO oder Russen abgeschossen wurden. Wir haben doch in Deutschland aufgrund der Nachrichtensituation ein ganz anderes Bewusstsein entwickelt, um noch zu wissen, was real ist. Solche Dinge erfährt man nur unterwegs auf Tour.“