The Dead 60s: Randale und Weißwurst



Was man eben so macht als Rockband, wenn drei Tage München auf dem Plan stehen. Erste Nacht: Sänger und Gitarrist Matt McManamon und Bassist Charlie Turner zerlegen in Sektlaune das Hotelzimmer, befördern Stühle durch (geschlossene) Fenster und zelebrieren weitere Rock'n'Roll-Späße. Zweiter Abend: Promo-Gig im Atomic Café, um die Songs des neuen Albums "Time To Take Sides" vorzustellen. Nach dem Konzert Weißwurst ausprobieren - und für gut befinden. Dritter Tag: Interview-Marathon mit den Journalisten in kompletter Besetzung.
Anschließend Rückflug und Fortsetzung der UK-Tour.

Kurzum: Es ist an der Zeit, für The Dead 60s Partei zu ergreifen. Die Zeit der Heuchler ist vorbei. Beim Debütalbum vor zwei Jahren klang das Quartett noch so gar nicht nach seiner Heimatstadt Liverpool: Ska- und Reggae-Rhythmik, Dub-Effekte und rotzige Punk-Attitüde wurden derart kombiniert, dass sie am Ende nahtlos harmonierten und der Band so ihren ganz eigenen Charakter verliehen. In dieser Phase kam auch das Angebot, dass ihr Song "Ghostfaced Killer" "Neues vom Wixxer" zieren sollte - ihnen wurde das als "Return Of The Wanker" übersetzt. Sie kannten weder Oliver Kalkofe noch Bastian Pastewka und waren dementsprechend etwas skeptisch. Und dann auch noch ein Videodreh mit den beiden komischen Deutschen - "Die sollen doch lustig sein, oder?" Sparen wir uns den Kommentar ...

Auf dem Nachfolger dominiert nun offensiver Rock ohne Firlefanz. Bis auf eine Ausnahme ("Seven Empty Days") wurde daher die Hammond-Orgel aus dem Songwriting gestrichen. Den Wechsel verdeutlicht auch das Konzert, bei dem Offbeat-Akkorde lediglich als Motor der früheren Stücke dienen. Zwar hat die Band erst fünf Auftritte mit dem neuen Material absolviert, doch Songs wie "Beat Generation", "Start A War" oder die Single "Stand Up" fügen sich dank ihrer eingängigen Refrains und Melodieseligkeit reibungslos ins Programm. Einige Fans im Publikum erproben derweil zwei neue Trendsportarten: Air-Drums und Air-Organ, als Kopien des leidenschaftlichen Spiels von Bryan Johnson und Ben Gordon.

Knapp ein halbes Jahr investierten The Dead 60s in die Entstehung der Songs für "Time To Take Sides". Alleine sieben Wochen davon verbrachten sie in den New Yorker Noise Studios bei David Kahne, der schon mit Paul McCartney zusammengearbeitet und auch das aktuelle The-Strokes-Werk betreut hat. Lob der Band: "Er kann perfekt das rausholen, was einen Song ausmacht und in ihm steckt." Ausgehend von Ideen auf der Akustik-Gitarre, standen diesmal keine Stil-Fragen im Vordergrund, sondern die Konzentration auf Melodie und Dynamik.

Man merkt den Jungs dabei an, dass sie gefühlt vier Brüder sind, die zusammen Musik machen, seit sie 16 sind. Alle im schwarzen Einheits-Look, aufmerksam, freundlich und mit einem Liverpooler Akzent gesegnet, der teilweise einem phonetischen Harakiri ähnelt.

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