Die Happy testeten ihre noch unveröffentlichten Songs auf der delta-radio-Bühne in der Halle400

 


Was macht eine Band, um sich willkommene Abwechslung zum öden Studioalltag zu verschaffen? Richtig, ab auf die Bühne, Fans reaktivieren und Druck ablassen. Beim Konzert auf der delta radio-Bühne bestand für Die Happy außerdem die Möglichkeit, das neue Songmaterial auf die Live-Probe zu stellen. So hatte das Publikum in der Halle400 die ehrenvolle Aufgabe eines Probanden – und kam trotzdem voll auf seine Kosten. Ohne aufwändige Studiogimmicks rocken Die Happy ohne Begrüßung gleich von Beginn an ungestüm die fast vollbesetzte Halle.

Bei der Ulmer Band wird das handelsübliche "Rockband plus Frau am Mikrofon"-Klischee zwar nicht widerlegt, aber auch nicht bekräftigt. Sicher, Marta Jandová ist eine Frau, und die aus Prag stammende Sängerin bildet auch das Epizentrum des Quartetts (Thorsten Mewes - Gitarre, Ralph Rieker - Bass, Jürgen Stiehle - Schlagzeug); doch Die Happy funktionieren (nur) in der Summe aller Musiker, die sich in Kiel als kompakte Einheit und in bester Spiellaune zeigen. Nach über zehn Jahren auf Tour besteht irgendwann die Gefahr, dass man als Band ausbrennt, körperlich und mental. Die Happy machten 2004 rechtzeitig eine längere Pause – um jetzt wieder anzugreifen.

Ihre Stärke, poppige Melodien in einen kraftvollen Rock-Kontext zu kleiden, spielen sie weiterhin voll aus, machen der Stilschublade Popcore alle Ehre. "Big Big Trouble", "Perfect" oder "Love To Hate You" vom aktuellen Album Bitter To Better zeugen von diesem dynamischen Gegensatz. Schon nach wenigen Songs baden alle im eigenen Saft auf dieser "Schweißparty" (O-Ton Jandová), während im hinteren Bereich mehrere Deutschland-Trikot tragende Partyleichen dahinvegetieren, die wahrscheinlich seit nachmittags alles gegeben haben und nun Tribut zollen müssen.

Im flackernden Strobolicht werkeln Gitarre, Bass und Schlagzeug synchron, oft mit dem Songwriting-Kniff, kurz vor den Refrains ein Break zu setzen; eine kurze Pause, bevor die kleingewachsene Sängerin am Mikro die Klimax einläutet. In diesem Schema mischen Die Happy neben alten Hits wie "Not That Kind Of Girl" (Jandová: "Da war ich noch ein kleines Mädchen!") auch neues Material ins Programm, das sehr wohlwollend aufgenommen wird. Die Kieler Wucht, die sie den Zuschauern attestiert, kommt dann nämlich auch aus den Boxen gerollt. Jandová ist das Energiebündel, das hüpft, strahlt und sich verausgabt wie ein Lara Croft-Double. Sehr sympathisch, zumal sie nicht affektiert wirkt, wenn sie etwa pantomimisch die Mitsingparts vormacht oder Wasserflaschen in den ersten Reihen verteilt.

Meist muss gesanglich die Rockröhre herhalten, doch in den ruhigen Passagen kommt ihre Stimme viel besser zur Geltung. Bei der Ballade "Like A Flower" halten sich Pärchen eng umschlungen: einen Arm um die Schulter des Partners, den anderen hoch erhoben am Feuerzeug. Die aktuelle Single "Blood Cell Traffic Jam" platzieren Die Happy als letzten Song vor den Zugaben, die alle Fans noch einmal in den roten Bereich treiben: Erst Oasis' "Wonderwall", gesungen von Gitarrist Mewes, dann der fließende Übergang zum Hit "Supersonic Speed". Wenn der Bandname für einen Slangausdruck im Sinne von "Hals- und Beinbruch" steht, dann hat Kiel als Versuchskaninchen einen sehr guten Job gemacht.

Von Henrik Drüner

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