Einmusik: The kids want techno!


Ein Song, eine Geschichte. "Ich schrieb ›Jittery Heritage‹ in der miesesten Zeit meines Lebens. Das war 2004, und ich hing haarscharf am Abgrund", erinnert sich Samuel Kindermann, will aber bewusst nicht ins Detail gehen. Und so packte er alle Sehnsüchte, alle Träume, alles, was ihn mit Musik verbindet, in dieses Stück. Er hatte nichts mehr zu verlieren. In solchen Situationen wagt man mehr. "Ich hab mich mit Rotwein zu Hause eingeschlossen und die EP in zehn Tagen fertig gemacht. Der Song war auf den Punkt, ansonsten hätte er nicht solchen Einklang erzielt."

"Auf den Punkt" heißt: Bombast-Techno mit ein wenig Kitsch und mollfarbenen Rave-Melodien. Hanseatische Feierfreude, aber mit Stil. Schließlich gingen Einmusik schon mit ihrer ersten EP "Weekender" zu den rheinischen Minimal-Ästheten von Italic. Dort folgt jetzt das opulente Albumdebüt "De'Medici", ein Manifest all der Einflüsse und Entwicklungen im Einmusik-Kosmos. Die Bonus-CD bündelt zudem alle bisherigen, teilweise raren Club-Tracks und 12-Inches.

2001 tat sich der Hamburger Produzent Kindermann (alias Nicol) mit Cranque und Unique zusammen. Electroclash im Stile von Tiga oder Fischerspooner dominierte die ersten Veröffentlichungen, viel Input kam dabei von den beiden Szene-DJs. Doch Kindermann - anfangs noch unsicher in dem neuen Umfeld - übernahm immer mehr Aufgaben, die gemeinsame Studiozeit wurde geringer. Die Konsequenz: Mittlerweile liegt Einmusik allein in seinen Händen. Musikalisch geprägt vom Drum'n'Bass, wühlte sich der 29-Jährige durch die Hamburger Clubszene der 90er-Jahre. Parallel dazu streckte er die Fühler in andere Richtungen aus, produzierte Techno und R'n'B. Überhaupt schätzt er gut gemachte, kommerzielle Musik wie das letzte Nelly-Furtado-Album. Und er verehrt Timbalands Produktionen: "Er ist wie ich ein Analysefreak, der immer auf der Suche nach dem ultimativen Sound ist und eine Eigendynamik entstehen lässt."

Hamburg als Basis und besonders St. Pauli als Epizentrum sei für ihn von Bedeutung, aber "die Aufregung meiner harten Ausgehzeiten ist etwas verflogen. Wenn ich nicht Musik machen würde, wäre ich wohl Futurologe geworden, allein wegen der frühen Sci-Fi-Visionen von Städten. Die HafenCity geht etwas in diese Richtung." Der Albumtitel "De'Medici" bezieht sich dagegen auf die prägende Familie der Renaissance, einer Zeit, die sich auf Altertum und klassische Antike besann. Daher auch die Songtitel "Fleur De Lys" oder "Scarborough Fair" als traditionelles englisches Volkslied. Einmusik ist eine kompakte, ideologisch gestärkte Einheit.

Link zum Artikel in Intro #155