Chiffren Kiel: Das Berliner ensemble mosaik überrascht Schüler der Ricarda-Huch-Schule mit Neuer Musik

Kichernder Klarinetteneinsatz

 

Kiel - Musikunterricht der etwas anderen Art im Grundkurs des 11. Jahrgangs an der Ricarda-Huch-Schule. Im Rahmen des chiffren-Projektes „Ensemble in Residence“ bekamen 14 Schülerinnen und Schüler ein neumusikalisches Werk „auf dem Servierteller präsentiert“. Das hieß: Dreifache Aufführung, Einblick in die technischen Möglichkeiten der Klanggestaltung und in die kreative Arbeit der Interpretation des Stückes von Samir Odeh-Tamimi.

Während des ersten Durchgangs von "Shattíla" die erwarteten Reaktionen auf Seiten der Schülerschaft: irritierte Blicke bei den krachenden Pianoschlägen, joviales Kichern bei den schrillen Klarinetteneinsätzen, eine Schülerin filmt alles zeitgemäß mit der Handykamera. Atonale Musik steht zwar auf dem Lehrplan, aber für die meisten ist die Gattung der Neuen Musik in der Live-Situation eine ganz neue Erfahrung. Als beim Brainstorming nach Assoziationen gefragt wird, ergeben sich erstaunlich differenzierte Antworten: Not und Drama, Erinnerung an „Star-Spangled Banner“ von Jimi Hendrix, Kriegsgeräusche, raue Landschaft, Gewitter mit Donner, wild, Tod.

Möglich macht diese Begegnung das Berliner ensemble mosaik, das in seinem dreiwöchigen Aufenthalt in Kiel nicht in der üblichen Konzertform, sondern in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen Hemmschwellen abbauen und Zugang bieten möchte. Von der zehnköpfigen Stammbesetzung des 1997 gegründeten Ensembles sind Christian Vogel (Bassklarinette und Klarinette), Ernst Surberg (Klavier), Chatschatur Kanajan (Violine) und Mathis Mayr (Cello) gekommen. „Teilweise treffen wir die anderen am Bahnhof, wenn verschiedene Besetzungen zu ihrem jeweiligen Einsatz aufbrechen“, erzählt Pianist Surberg, der zudem die künstlerische Leitung innehat.

Auch der Kurs ist dezimiert, nur zwei Drittel sind anwesend. Surberg: „Ist der Rest krank?“ Schüler: „Nein, die streiken.“ Surberg: „Warum streikt ihr nicht?“ Schüler: „Weil es regnet.“ Dafür wird den politisch Inaktiven sowie dem Lehrer Hans-Joachim Kempcke und Heide Schönfeld vom chiffren-Team ein Musikwerk vorgestellt, das weniger musikgeschichtlich als inhaltlich hochbrisant ist. Samir Odeh-Tamimi, Jahrgang 1970, der auch vier Jahre Musikwissenschaften in Kiel studierte, thematisiert in "Shattíla" das Massaker von 1982 im gleichnamigen Flüchtlingslager, als Milizen während des libanesischen Bürgerkriegs hundertfachen Völkermord begangen.

Eine kontroverse Diskussion entbrannt darüber, ob Odeh-Tamimi das Grauen und die leidenden Seelen der dortigen Opfer vertonen will, oder ob es symbolisch für weltweites Verbrechen steht. Vogel: „Wir haben das Stück auf einem Festival in Tel Aviv gespielt, und sind trotz unserer Skepsis im Vorfeld mit sehr positiven Reaktionen bedacht worden.“ Der Komponist selbst ist verhindert, aber dank intensiver Gespräche können die Ensemble-Musiker eine umfassende Werkanalyse bieten. Schließlich die ketzerische Frage von Lehrer Kempcke, ob Neue Musik zwangsläufig mit negativem Hintergrund komponiert werden müsse. Die Musiker kontern, dass sie viele lebensbejahende Kompositionen kennen würden, und selbst bei diesem Beispiel sei die offene Liebe zu den betroffenen Menschen klar erkennbar. Im Sinne einer kathartischen Wirkung von Musik.

Dann geht es ins musikalische Detail: Kanajan und Mayr demonstrieren an den Streichern den Unterschied zwischen einem Bartók-Pizzicato und einem herkömmlichen Pizzicato. Ein seltenes Kompositionsobjekt, das wie ein Schuss oder eine Kanone klingt. Dazu nicht hörbare Tempiwechsel, die jedoch den Ausdruck im Spielcharakter verändern. Die feinen Notationsnuancen seien vom Komponisten durchaus beabsichtigt, so Vogel: „Shattíla ist ein sehr direktes, unmittelbares Stück von nur fünf Minuten Aufführungsdauer. Satztechnisch ist Samir Odeh-Tamimi ein absoluter Profi. Und er will nicht gefallen, sondern als Künstler auch zu unbequemen Themen Stellung beziehen.“

Beim abschließenden Finaldurchlauf verteilen sich die 14 Schülerinnen und Schüler im Raum des Musiksaals, um eine unverbrauchte Klangperspektive zu erzielen. Und zum dritten Mal erleben sie, was man aus vier Instrumenten herausholen kann. Bis zum mächtigen Klavierton im letzten Takt, der sich über eine Minute erstreckt, ganz allmählich verebbt und sich mit den Vogelstimmen vor dem Fenster mischt.

KN-Online