Serie „Man singt deutsch“ – Teil XII: Erdmöbel

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Erdmöbel.

Erdmöbel ist der ostdeutsche, umgangsprachliche Begriff für „Sarg“ - für die Kölner Band gleichen Namens eine bewusste Wahl, wo sie doch die lebensbejahenden Seiten des Lebens mit einer fast schon unbedarften Leichtigkeit feiert. „Altes Gasthaus Love“ hieß das letzte Studioalbum, dessen Titel folgende Herkunft hat: „Vor fast zwei Jahren habe ich in Münster eine Streichholzschachtel gefunden. Darauf stand: Altes Gasthaus Leve. Das ist dort eine Traditionskneipe. Auf den ersten Blick habe ich „Altes Gasthaus Love“ gelesen und deshalb die Schachtel mitgenommen. So wurde aus Leve eben Love, auch weil auf dem Album fast nur Liebeslieder sind“ erzählt Sänger und Texter Markus Berges.

Die Songs strahlen sowohl Ruhe als auch Lebensweisheit aus und blühen voll innerer Schönheit; manches Mal mit traurigem Tenor, aber letztlich ganz viel Hoffnung. „Empfindungen müssen echt bleiben“, plädiert Produzent und Gitarrist Ekki Maas. „Ironie ist eine schlechte Entschuldigung für schlechte deutsche Texte.“ In Liedern mit Titeln wie „Gesine aus der Nachtindustrie“, „Vergnügungslokal mit Weinzwang“ oder „Anfangs Schwester heißt Ende“ malen Erdmöbel sprachmächtige Bilder und beobachten dabei sehr genau: sanft bis ruppig begleitete Alltagspoesie und Nachtgeschichten, oft verrätselt und extrem subjektiv aus der Sicht von Berges, dabei aber immer verständlich. Zusätzlich sind noch Wolfgang Proppe (Tasteninstrumente) und Christian Wübben (Schlagzeug) an Erdmöbel beteiligt, die besonders in der Live-Situation ein atmosphärisch dichtes und doch luftiges Zusammenspiel pflegen. Elemente von Folk, Jazz, Country und Pop werden dabei behutsam verbunden und transparent nebeneinander gereiht.

Aktuell veröffentlicht ist nun „Fotoalbum“, eine Sammlung akustischer Live-Aufnahmen, die den Sound noch weicher und flüssiger wirken lassen. Mit zwei Gitarren, warmen Kontrabass-Tupfern, Wurlitzer und Akkordeon versprühen Erdmöbel innige und euphorische Stimmungen und schmeicheln mit mehrstimmigem Harmonie-Gesang. In nur zehn Stunden - verteilt auf drei Vormittage - spielte das Quartett das komplette Album ein und verzichtete dabei auf jegliche studiotechnischen Möglichkeiten. Ganz roh, ganz naturbelassen, einfach schön. Eine wirklich glücklich machende Band! Henrik Drüner