Die Fantastischen Vier

 

Kann ein Album der Fantastischen Vier losgelöst von der Band-Diskographie gehört werden, oder fließt der Respekt vor ihrer Aufbauarbeit „HipHop in Deutschland“ immer in die Rezeption mit ein? Fünfzehn Jahre nach Bandgründung haben sich Michi Beck, Smudo, And.Y und Thomas D individuell weiterentwickelt, drifteten in verschiedene stilistische Richtungen ab und bündeln jetzt auf „Viel“ (Four Music/Sony) das kreative Potenzial.

Michi Beck, als DJ Hausmarke auch eine Hälfte der Turntablerocker, erzählt im Interview mit dem Intro-Magazin von den Stationen des Comebacks: „Der erste Schritt war der Schwierigste. Wir wohnen ja mittlerweile alle in unterschiedlichen Städten, führen alle außerhalb der Band ein relativ eigenes Leben. Wir haben uns dann zum ersten Kreativ-Workshop in Österreich getroffen, in Vorarlberg. Zwei Wochen saßen wir da, haben uns ausgecheckt und hinterfragt, was, ähm, unsere musikalischen Vorlieben sind – und wo man da Berührungspunkte findet. Auf dieser Zielsetzung wurde aufgebaut und die ersten Texte geschrieben. Von da an automatisierte sich das Prozedere.“

So unterschiedlich die Charaktere bei den Fanta4, so unterschiedlich auch die Songs auf dem aktuellen Album: Die erste Auskopplung „Troy“, die sehr catchy alte Fantreue einfordert, markiert dabei einen der Höhepunkte - dagegen fällt die zweite Single „Sommerregen“ als etwas schlapper Nachfolger ab. Der Song „Geboren“ ist mit Max Herre als Mikrogast ein Ausflug unter die glitzernde Diskokugel, „Keine Lösung“ ein selbstironischer Reggaesong, der bei den Hamburger Jungs von Silly Walks Movement aufgenommen wurde. „Wir sind einfach keine politische Band. Wir sehen das grundsätzlich nicht gerne, wenn wir in einem politischen Zusammenhang irgendwie benutzt werden als diejenigen, die eine Aussage machen oder einen Slogan oder sonst irgendwas Ähnliches. Stattdessen halten wir uns aus solchen Sachen immer möglichst weit raus“ erklärt Smudo die Tatsache, dass die Band nicht als ein Sprachrohr für Jugendliche herhalten möchte. „Es geht plötzlich eher darum, wie man sich positioniert, statt das Umfeld zu ändern. Diese gelassene, heitere, ohne-jetzt-gleich-eine-Lösung-suchende Attitude ist auf jeden Fall neu bei uns.“

Doch bei all dem Sarkasmus und Humor in den Texten klingen auch ernste Themen an, wenn beispielsweise dem Tod die Zeilen “am Ende nehm ich jedem das Leben/ du kannst mir nicht entgehen, aber komm mir nicht entgegen“ (in „Hey“) in den Mund gelegt werden. Auch „Mein Schwert“, das dem Reflektor Falke-Projekt von Thomas D. entspringt, wirkt mit der düsteren Grundstimmung im Fanta4-Kontext beinahe zu bemüht anspruchsvoll. Absolut verständlich ist allerdings der Drang, sich nach großartigen Veröffentlichungen wie dem „Lauschgift“-Album (1995) oder der Unplugged-Tour von 2001 musikalisch neu zu verorten. Smudo: „Man stellt sich ja auch die Frage, ob 15 Jahre HipHop-Sein nicht total spießig ist.“

Der bandinterne Zusammenhalt scheint seit den „Viel“-Aufnahmen wieder erstarkt zu sein und beweist, dass Die Fantastischen Vier weiterhin Spaß verstehen. Michi Beck: „Also, wir haben zumindest, als Thomas D. Jenny Elvers heiraten wollte, bei ihm angerufen, er möge es sich noch mal überlegen. Also, da intervenieren wir dann schon!“

Henrik Drüner