40.000 beim G-Move 2007 entlang der Hörn


Kiel – Der G-Move ist zum zweiten Mal in der Stadt. Für die einen ist die Technoparade ein kommerzielles Geschäft, für andere der Lebensinhalt, für wieder andere eben ein Volksfest. Am Bahnhofsvorplatz, dem ersten Wendepunkt der Musikwagen, ist die Hölle los. Es klingt, als würden tonnenschwere HDW-Hämmer mit brachialer Kraft unerbittlich auf Stahl einschlagen. Die im Vorfeld angekündigte "permanente Rendezvous-Position von Sounds und Trucks" klingt theoretisch zwar sehr amourös-lieblich, in der Praxis nimmt der G-Move an diesem Streckenabschnitt beinahe kakophonische Ausmaße an. Zehntausende Teilnehmer und Schaulustige verwandelten die Hörn am Sonnabend in eine kleine Loveparade.

Alle tanzen zu den wummernden Beats: Regenbogen-Hippies, Lack-Fetischisten, Grufties, vor allem aber klassische Raver und die große graue Masse. Arschgeweihe, soweit das Auge reicht. Um 15 Uhr mischen sich noch Rentnerpaare zaghaft am Rand stehend zwischen die Feiernden. Skeptische Blicke. Oder einfach mal gucken, woher dieser Radau kommt. Im Schritttempo bewegt sich der Korso aus 13 Trucks auf der Kaistraße allmählich in Richtung ZOB, wo bereits ein DJ-Turm die Wartenden beschallt. Jugendliche mit oft hochprozentigen Misch-Getränken vertreiben sich die Zeit, genießen in kleinen Grüppchen den sommerlichen Wochenendausflug. Eine Klassenfahrt ohne Lehrer, fast wie am Ballermann. Wie viele nach Kiel gekommen sind? "Dieses Mal sind es auf jeden Fall mehr", lassen die Veranstalter vermelden. Also knapp über 40000 Besucher, die bis zum frühen Abend erstaunlich friedlich miteinander umgehen. Die Stimmung kippt erst nach exzessivem Alkoholkonsum.

Jens (38) aus Buchholz in der Nordheide ist seit 13 Jahren beim G-Move dabei, früher in Hamburg, seit zwei Jahren nun in Kiel. Er lebt vorbildlich das Credo der Parade, "Music is the only drug!". Raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen. "Ich treff' auch ganz viele Leute von früher wieder, die wiederum mich schnell erkennen". Jens trägt auf jeder Techno-Veranstaltung einen Schottenrock, dazu den blanken und durchtrainierten Oberkörper. "Von den Röcken habe ich drei. Die werden immer gewechselt." Auch der 39-jährige Carsten verkörpert diese "Straight Edge"-Attitüde. Im Kunstnebel des vor ihm fahrenden Trucks tanzt der Kieler rotierend in seinem Fantasy-Outfit, einer Kombination aus Brustpanzer und silbernem Rock. Ihm ist es besonders wichtig, den Aha-Effekt zu betonen. "Von solchen Typen wie mir lebt doch so eine Veranstaltung. Das animiert und inspiriert die Übrigen." Techno in seiner puren, ursprünglichen Form.

17 Uhr, aber der Fan im VfB-Trikot schaut gar nicht nach Meisterfeier aus. Stuttgart macht doch das Rennen, oder etwa Schalke? Fußball interessiert hier nur peripher. Viel wichtiger: Bässe, Bässe, Bässe. Als Laie unterscheidet man unglaublich tiefe Bässe, sich überlagernde Bässe, sich schneidende Bässe, in ihrer Wucht multiplizierende Bässe. Der T-Shirt-Aufdruck "Hardstyle is my style" ist Programm, von dem sich besonders die Jungs in Orange und Neongelb anfixen lassen. Im Puls der 4/4-Schläge recken sie die Arme, tauchen ein in das Bassbad. Eine Melodie wäre bei den meisten Tracks ohnehin Luxus. Wenn, dann wird auf bekanntes Liedgut zurückgegriffen, etwa auf Klassiker wie Everlasting Love (Love Affair) oder Another Brick In The Wall (Pink Floyd), die im Grunde nur durch eine Beschleunigung und enorme Bassgrundierung den Einzug ins Techno-Lager erhielten.

Dank des sonnigen Wetters geizen die Raver mit Kleidung. Besonders oben auf den Trucks gilt es, sich möglichst effektiv zur Schau zu stellen und zu präsentieren, was man hat. An ausgefallenen Kostümen. Und an körperlichen Reizen, versteht sich. Der "Atrium"-Truck bietet Gogo-Tänzerinnen, während nachgestellte Kopulierakte auf dem hinteren Ausleger des "Penthouse"-Trucks Fotografen und sabbernde Blicke der Umstehenden magisch anziehen. Wie es sich für ein Männermagazin gehört. Eine groteske Szenerie inmitten einer Parade, die für die Teilnehmer fester Bestandteil ihres Jahreskalenders ist. Der G-Move lebt – und die Aftermove-Party steht erst noch bevor...

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2148978