Gepackt: Wer mit Halma eine Reise tut

Von Henrik Drüner

Die monotone Stimme des Seewetterberichts verkündigt es: „Container verloren und gesunken“, irgendwo auf hoher See. Kryptische Positionsangaben kommen über den rauschenden Äther, Instrumente setzen allmählich ein, gebannte Erwartung. Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Halma können das: erzählen. Man sitzt da und hört ihren instrumentalen Geschichten zu.

Die Hamburger Band nimmt bei ihrem außergewöhnlichen Konzert in der Hansastraße 48 sofort gefangen. Es ist ein Soundtrack, der überhaupt nichts Ruckartiges oder Hektisches in sich trägt. Stattdessen vertont er die fließenden Bewegungen, ausgehend sowohl von der Musik als auch den Musikern. Der Konzertraum ist nicht ohne Grund bestuhlt: Man stünde sich ansonsten die Beine in den Bauch, wüsste nicht, wohin mit dem Armen, wäre abgelenkt bei der Klangaufnahme. Halma erzeugen auf der Bühne einen nachhaltigen Druck, jedoch nicht im herkömmlichen Sinne von „Verstärker aufdrehen und Zuhörer an die Wand blasen“. Vielmehr treffen die einzelnen Klänge aufeinander und verweben sich zu einem höheren Ganzen, wie es „Hektopascal“ perfektioniert: Fiona McKenzie (Schlagzeug) lässt den Besen im Kreis rascheln, Thorsten Carstens und Andreas Voß zerlegen minutiös Gitarrenakkorde, während Anna Bertermann bedächtig tief tönt.

Wie in Zeitlupe nicken alle vier mit den Köpfen, scheinbar gelangweilt und unbeteiligt. Aber was sollen sie auch anstellen, angesichts dieser musikalisch definierten Langsamkeit? „Fumarole“ reizt die bandinterne Geschwindigkeitsdrosselung aus: Alles scheint in Zeitlupe abzulaufen, die Zeitdimension verschwimmt. Gänzlich unprätentiös spielen Halma mit diesem Stilmittel und bleiben angenehm selbstironisch, wenn Voß ansagt: „Jetzt kommt zur Abwechslung ein ruhiges Stück.“ Er ist es auch, der Gelächter von den anderen Musikern erntet, als er einen Fuß auf die Monitorbox stellt - eine Rockgeste, die Halma so gar nicht verkörpern wollen.

Naturwissenschaftliche Themen bestimmen die Songtitel, die sich um Kräfte und Winde drehen, auf der „Beaufort“-Skala von schleichend sanften Brisen bis zu leicht aufbrausenden Böen. Stoisch pulsiert die Bassdrum, eine Lapsteel-Gitarre bringt wimmernde Folk-Anleihen, und einzig bei „Lands End“ zitieren Carstens und Bertermann zweistimmig den Hank Williams-Song „Ramblin’ Man“. Im Vorteil sind diejenigen, die bereits die drei CDs kennen und nicht als Ersthörer die Verknüpfung aus Melodien, Rhythmus und Instrumenten erstellen müssen. Einem Mantra gleich ziehen die Arrangements gleichförmige Bahnen, wiederholen sich Klangfolgen und verändern sich nur in Nuancen. Das erfordert Konzentration - bis auf zwei nervige Spaßvögel haben das auch alle im Publikum verstanden und schenken der Band die verdiente Aufmerksamkeit. Slowcore nennt die Band dieses Genre, das auf dem schmalen Grat zwischen lahmarschig und absolut intensiv wandelt - Halma haben auf jeden Fall die zweite Option gewählt.