The Havana Boys rockten im Luna regelrecht den Tanzflur


Bei einem Club-Gig der Marke Havana Boys verschwimmen die Grenzen zwischen Live-Konzert, DJ-Set und Konservenaufwärmen. Im Luna zeigten die beiden Hamburger Jakob Seidensticker und Henrik Raabe, dass alleine das Resultat zählt – und gemessen an der Euphorie im Publikum haben sie wieder einmal alles richtig gemacht. Jakob trägt das Haar auf dem Kopf kürzer, Henrik hat es sich im Gesicht wachsen lassen. Aber die Arbeitsteilung bleibt die gleiche wie beim letzten Luna-Besuch im Februar 2003: Beat und Bass bedient Jakob mit den zahlreichen Sequenzern, Samplern und Mischpulten, während Henrik an der Gitarre im Dub-Echo feine Melodielinien darüber legt.

In der Kombination von elektronischen Sounds mit akustischen Instrumenten ergibt das eine absolute Tanzpflicht, da die Songstruktur trotz des Effektschleiers klar ist: ein erdig grummelnder Bass, repetierende Akkorde und im Refrain der dynamische Höhepunkt mit weiblichen Vokalfetzen. Die scheinbare Monotonie ist gleichzeitig Fluch und Segen, wirkt sie doch musikalisch limitiert, bietet dafür aber ganz andere Ansätze der Rezeption. Seit 1998 sind die Havana Boys als Duo aktiv, und diese Erfahrung im Zusammenspiel macht sich nun bezahlt: Mit ihrem aktuellen, vierten Album The H.B. Source (Jubilee Records) zeigen sie eine inhaltlich stärkere Kompromisslosigkeit und rocken geradezu den Tanzflur. Vorbilder wie Jimi Hendrix werden besonders deutlich, wenn Henrik das Two-Hand-Tapping an den Saiten zelebriert und das Gesicht dabei schmerzvoll verzieht. Eine angenehm selbstironische Rockgeste im Clubkontext!

Während die Genres zwischen Disco, Dub, House und Breakbeats mäandern, werden die Songs meist fließend ineinander übergeleitet und halten – wie in einem DJ-Set – das Publikum in Bewegung. Begeisterte Pfiffe der Tanzenden künden von der geglückten Symbiose, zumal die Hamburger kein Produkt abliefern, sondern Teil des Ganzen sind. Als Mikrogäste bereichern Judy Willms und Paul Phelan zusätzlich die Live-Atmosphäre: sie beinahe schüchtern und mit glasklarer Intonation, er dagegen ganz in Feierlaune, der in der Zugabe den Doors-Song The End zitiert: "C'mon baby, take a chance with us." Wenn die Havana Boys wiederkommen, möchte man es liebend gerne noch einmal darauf ankommen lassen.

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 01.10.2004 01:00