Heinz Strunk-Lesung in der Hansastraße 48



So einen Erfolg hätten sich "Tiffanys" wohl gewünscht oder nicht einmal beim frühmorgendlichen Eieressen zu träumen gewagt: Die Lesung von Heinz "Heinzer" Strunk ist bereits zehn Tage im voraus ausverkauft, das dazu gehörige Buch "Fleisch ist mein Gemüse" in fast jeder Buchhandlung vergriffen. Warum?

Der Zuhörer in der Hansastraße 48 leidet mit dem Protagonisten, erbaut sich aber gleichzeitig an dessen trostlosen Alltag. Und Studio Braun-Mitglied Heinzer ist witzig, richtig witzig. Bewaffnet mit Mikro, Saxofon und Querflöte startet der 42-jährige Hamburger in der Einleitung ein Festival der pointierten Verbalraffinessen und holt für das "kurzweilige Event aus der umfangreichen Produkt-Pipeline" alle auf seine Seite. Für zwei Stunden Urlaub vom Leben machen, das gezeichnet ist von "Tristesse, Agonie und Hoffnungslosigkeit", wie es Heinzer formuliert. Nach einer Metamorphose verwandelt sich Heinz Strunk in den mit Akne Conglobata gestraften Jungmusiker, einen pickligen Harlekin samt Pink Panther-Sakko.

Er taucht ab in die Schattenwelt des Tanzmuckers, der sich am untersten Rand des öffentlichen Berufsrankings auf Schützenfesten zwischen Elbe und Lüneburger Heide wiederfindet. Verschiedene Stimmen für die Hauptdarsteller im Harburger Dunstkreis der Showband "Tiffanys" beleben zusätzlich die ohnehin grandios beschriebene Szenerie. Moorwerder, 1985: Strunk intoniert alle Songsünden mit hörbarer Euphorie; Songs, die "viel Afrika und wenig Bavaria sind". Weiber? Fehlanzeige. Stattdessen perfektionierte Heinzer den großen Starrer und Entsafter, worauf er in dem Gedicht "Stupor" detailliert eingeht. Wie so vieles im geschmacklichen Extrem eine Mischung aus Ekel und Faszination. Als Musikschullehrer ist er ein harter Hund, wenn Willen und Persönlichkeit der Eleven erst gebrochen sein müssen, bevor mit richtigen Stücken angefangen wird.

Bei "Spanish Eyes" hingegen demonstriert Strunk seine Fähigkeiten mit der Rotzkanne, und er kann's immer noch! Kiel: begeistert. Heinzer ist sowohl Entertainer als auch Musiker, mit einem ausgesprochenen Gespür fürs realistische Detail und skurrilen Humor. Er verkörpert aber auch den bissigen Kritiker, bei dem 'Vogelscheuche' noch zu einer der netteren Personenbeschreibungen zählt. Oft nuschelig-rappelnd im Vortrag, verheddert und verhaspelt er sich - wahrscheinlich mit voller Absicht.

So vermag er dem Text mit diesen sprachlichen Mitteln noch mehr Absurdität zu verleihen und den Zuhörer auf nette Art und Weise zu verstören. Und er geht an die Grenze, beispielsweise beim mitgeschnittenen Telefonat im Studio Braun-Stil, in dem ein Alleinunterhalter für die Abschiedsfeier eines abgeschobenen Afrikaners am Flughafen engagiert werden soll - und zusagt. Heinz Strunk hält uns den Spiegel vor, grinst aber genauso debil hinein. Ein Feuerwerk an guter Laune, ganz im Sinne des "Tiffanys"-Mottos: Swingtime is good time, good time is better time. Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 21.01.2005