Beim HipHop-Karaoke im Luna zählt Zeilenfluss ohne Zungenknoten


Nicht immer läuft eine Karaoke-Show so stilvoll ab wie im Sofia Coppola-Film Lost in Translation, wo Bill Murray die verschlafene Version von Roxy Musics More Than This ins Mikro haucht. Das ist großes Kino. Beim HipHop-Karaoke im Luna zählen andere Werte, sind andere musikalischen Qualitäten gefragt. Der Sänger ist in diesem Fall ein MC, also nicht von ungefähr ein "Master of Ceremony". Statt eine Melodie möglichst originalgetreu imitieren zu können, steht der Reimfluss im Vordergrund – und das Talent, von einem 17-Zoll-Monitor gefühlte 384 englischsprachige Silben pro Minute ablesen und ohne Zungenknoten im richtigen Tempo aussprechen zu können.

Philipp alias Babychill kennt den Text von Eminems Lose Yourself. Doch die Synchronisation von Worten und Beat passt nicht so richtig. Später wird er beschwören, dass er den Beat nicht gehört hat. Jetzt ist erstmal Abbruch angesagt: "Entweder, ich hab jetzt verkackt, oder das Ding hat verkackt." Genau, eines von beiden. Er bekommt einen zweiten Versuch. Anfangs hakt der Groove, Philipp setzt erneut aus und reimt sich erst gegen Ende frei. Am Sonntag muss er früh raus, um bei delta-Radio die Nachrichten zu lesen. Dort kann er sich mehr Zeit lassen für den Text. Beim HipHop-Karaoke huschen die dunkel unterlegten Zeilen nur so über den Bildschirm. HipHop ist nicht Roxy Music.

Die Veranstaltung richtet sich vor allem an Baggy-Pants-Träger und waschechte Kopfnicker unter ihren Baseballkappen. Beobachtung am Rande: Vor zehn Jahren versuchte man noch, den Schirm möglichst rund zu biegen – heute muss er platt sein wie ein Strich. Die Homies sind bereit, haben im heimischen Abteil am Style gefeilt. Ein kleines erhöhtes Podest, vom Monitor flimmert der Text, die Zuschauer bekommen ihn an die Wand hinter der Bühne projiziert, während DJ Mike die ausgewählten Scheiben in den Player schiebt. Die ausliegende Trackliste bietet in den Kategorien "Boyz", "Girlz", "Oldschool" und "Duetz" etwa 140 Songs zur Auswahl an. Entweder spontan oder bereits lange geplant, melden sich etwa acht Kandidaten für einen Beitrag. Ausschließlich Jungs, die Mädchen sind wohl nur zum Jubeln gekommen.

Es gibt auch Grund zu feiern: Organisator und Moderator Philipp Baasch hat heute Geburtstag. 31 junge Jahre. Er gehört damit hier und heute zur Oldschool, doch wenn es in Kiel irgendwie um HipHop geht, dann hat er als DJ Philstarr33 immer seine Finger im Spiel. Der Song Ich lebe für HipHop von Klassenkasper DJ Tomekk könnte sein Leben umschreiben. Auch er versucht sich gleich mehrfach am Mikrofon. Schon Roses von Outkast macht deutlich, dass er zwar kein Sänger, aber heute sichtlich mit Spaß dabei ist.

Beim Duett zu How We Do (The Game feat. 50 Cent) gilt das Motto: Wir treffen uns beim Refrain. Sein Partner ist trotzdem heiß: "Das war's schon? Ich will noch einen!" Doch es geht gnadenlos weiter. "Wie ist dein Name?" – "MC Hammer!" Das mit der Identifikation klappt schon sehr gut. Doch bis auf Textfetzen und den wiederkehrenden Refrain ist von U Can't Touch This nicht viel zu erkennen. Wesentlich besser machen es da Tim und Mo, die für ihre Version von Kriss Kross' Jump den größten Applaus einheimsen. Moderator Philipp zeigt sich begeistert: "Fette Scheiße! Ihr seid die Geilsten!" Die beiden Abräumer geben sich bescheiden: "Wir kennen den Song halt noch von früher, fanden den damals richtig gut." Im Januar gibt es die nächste Chance, beim vierten HipHop-Karaoke in Kiel dabei zu sein. Bis dahin: üben, üben, üben.

Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 05.10.2005 01:00