Janina & Weiherer in der Schaubude

Von Henrik Drüner

Ich bin so, wie ich bin, und auf den Rest scheißt der Hund. In der Schaubude ist diese rigorose Einstellung Trumpf: Der bayerische Liedermacher Christoph Weiherer und die Songwriterin Janina spielen quasi zu zweit, aber jeder für sich allein, im mehrfachen Wechsel. Ein Doppelkonzert, bei dem beide auf ihre Weise mit interessanten, eigenständigen und unbekümmerten Momenten zu gefallen wissen - vor anfangs vier zahlenden Zuschauern.

Richtig gelesen: vier. Auf den großen Rest, der aufm Balkon, am Wasser oder zumindest im Freien Kiels meteorologische Auferstehung genießt, scheißt der Hund. Die Wangen glühen noch vom Sonnenbad im Schrevenpark, als Weiherer mit seiner Akustikgitarre die Bühne entert. Er verkörpert den sympathischen Schluffi mit Bombenleger-Frisur, der auch auf dem Kirchentag nicht sonderlich auffallen würde. Aus seiner Feder stammt der Einleitungssatz, gleichzeitig auch Refrain des aktuellen Albums „Scheiß da Hund“. Das hervorstechende Charakteristikum des 26-Jährigen ist sein ausgeprägter Dialekt, gezüchtet im niederbayerischen Zeilarn.

So dreht sich auch in den Ansagen vieles um Textverständnis, den vermeintlichen Nord-Süd-Gegensatz im Publikumsverhalten, der Mentalität im Allgemeinen und ähnlich abgelutschten Plattitüden. Doch Weiherer macht Spaß, nimmt sich nicht sonderlich ernst; er bringt das Publikum zum Schmunzeln, ist aber kein Comedian. Vielmehr führt er im Stile von Hans Söllner, Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader durch ein Programm mit zerlegten Gitarrenakkorden, teilweise unterstützt durch Mundharmonika, und hält Ottonormalverbraucher den DIN-Spiegel vor. Es sind Folksongs mit melancholischem Ton, besonders in den Phasen, in denen es um seine Heimat geht: „Ja mei, des is halt so!“ Trotzdem strahlt er dieses bayrische Selbstbewusstsein aus, ebenso ein gewisses Maß an Stolz, wirkt dabei aber nie konservativ-doof, sondern mit einer gesunden Skepsis bis Ablehnung gegenüber Stoiber und anderen süddeutschen Missgeschicken ausgestattet. „Ihr habt mich blöd gemacht, ich hab’s nicht kapiert, ich bin integriert in euer System“, wütet er in „Eia Sissdem“, aber der besungene Wunsch, nach Kanada, Neuseeland, Nepal, Botswana oder Sri Lanka zu entfliehen, bleibt letztendlich wohl nur ein Wunsch. Die Welt wird sich ändern, aber in Bayern wird alles so bleiben, wie es war.

Janina wartet dagegen auf den Reiz, der ihrer Meinung nach hinter jeder Ecke lauere: „Willst du meine Affäre sein?“ fragt die 22-jährige Hamburgerin in einem Song, „Wann kommt endlich mein Grasautomat?“ in einem anderen. Die Sonnenbrille im Haar bändigt den wilden Lockenkopf, der ungezügelte Lebenslust versprüht. Ihre Performance wirkt immer extrovertiert, immer leidenschaftlich, sie haucht, gurrt, schreit, knurrt und flüstert ins verblüffte Mikro, gurgelt mit ihrem Gin-Tonic, ist zierlich und kratzbürstig zugleich. Dank der unkonventionellen, aber dezenten Gitarrenbegleitung kann ihre Stimme leben, sich ausleben, besonders im Vergleich zur Band „4 von Millionen“, mit der sie bereits im Januar in der Schaubude gastierte. Es scheint, als müsse das alles raus, was in ihr gärt - und der Mut zu diesem musikalischen Seelenstriptease wird belohnt. Das Publikum hat sich inzwischen vervierfacht - da passt zumindest der Titel des Police-Coversongs „So Lonely“ nicht mehr. Auf den Rest…genau.