Jean Team und Kissogram im Luna Club

Live ist doch ein anderer Schuh. So sehr man auch die heimische Stereoanlage aufdreht und durchs Zimmer tanzt - mit leibhaftigen Musikern, aufgepeppten Songs und einem begeisterten Publikum wirkt es dennoch um Klassen besser. Jeans Team und Kissogram fegten am späten Sonntagabend mit einem Konzert-Doppelpack durch den Luna. Und das war richtig gut.

Als Band „mit den vielen Gesichtern“ schafften es Jeans Team, sowohl Elemente von Kraftwerk, Trio als auch Spacemen 3 in ihre Bühnenperformance einzubauen. Reimo Herfort, Franz Schütte, Henning Watkinson - alle Anfang Dreißig, Wahl-Berliner und seit 1995 gemeinsam auf der Suche nach der nächsten Überraschung - lebten einen Traum für große Jungs: überall Kabel, zu drehende Knöpfe und blinkende Leuchtdioden. Das haptische Moment kam voll zur Geltung, wenn immer irgendwie irgendwas gedrückt oder berührt werden konnte. Midi-Percussion, Tasten in jeder erdenklichen Ausführung, Gitarre, Bass, Sampler und Rhythmusspuren aus der Konserve, die auf der Bühne noch bearbeitet wurden - alles war in Bewegung. Selbst die Bühne wackelte unter den Tanzeinlagen von Reimo, der wild gestikulierend die Tasten seines Umhängekeyboards ableckte. In manchen Phasen, in denen alle in die gleiche Richtung zogen, erreichten Jeans Team einen Punkt, an dem es losgelöst von Virtuosität, Bedeutung, Struktur und Inhalt einfach nur funktionierte - sozusagen über die Kraft der Musik. Nicht nur der Hit „Keine Melodien“ zeugte dabei von dem Nonsens-Kern, den sich die Berliner immer bewahren: „Ich singe keine Melodie. Ich singe eins, zwei, drei, vier“ - hektischer Elektro-Pop mit NDW-Anleihen, ohne sich jedoch dem Retro-Schick anzubiedern. Die Energie, die sie aus dem „hohen Grad an Aggressivität“ (O-Ton Henning) bezogen, wurde den Songs „Oh Bauer“, „Gold & Silber“ oder „Waffenladen“ direkt injiziert. Großartig!

Kissogram konnten im Vergleich eigentlich nur den Kürzeren ziehen. Doch das Duo Jonas Poppe und Sebastian Dassé bewies, warum das Album „The Secret Life of Captain Ferber“ so viele Freunde gefunden hat. Insgesamt mehr Gitarre, mehr Gesang, mehr Song als bei den Labelkollegen von Jeans Team, wenn auch weniger Durchschlagskraft. Auch die beiden Berliner bedienten reichlich Tasten und Obskures aus dem Synthesizer-Zubehör-Shop. Frequenzen wurden verschoben und Soundschleifen gebunden - mit Doppelknoten. Mit „Cool Kids Can’t Die“ ließen Kissogram es richtig rockig, „Forsaken People Come To Me” hakte sich mit eingängigem Refrain im Gehörgang fest.

Von Henrik Drüner