Jeans Team

Es ist die „Band mit den vielen Gesichtern“, die Live-Shows im Stile von Trio, Spacemen 3 oder Kraftwerk konzipierte. Jeans Team sind Reimo Herfort, Franz Schütte, Henning Watkinson und Gunther Kreis: alle Anfang Dreißig, Wahl-Berliner und seit 1995 gemeinsam auf der Suche nach der nächsten Überraschung. Das Debütalbum „Ding Dong“ und die Single „Keine Melodien“ als kleiner Hit brachten ein erstes Aufhorchen und volle Konzerte. Am 10. Januar kommt der Nachfolger „Musik von Oben“ (Louisville/Universal) in die Läden. Indie und Dance, analoge Instrumente und digitale Beats geben sich einträchtig die Hand. Szene-Mitarbeiter Henrik Drüner sprach mit Henning über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges.


Für mich gibt es auf der Platte viele Lieblingstücke, aber auch solche, mit denen ich gar nicht klarkomme. Gibt es für jeden von euch auch diese Prioritäten?
Henning: Nein, das glaube ich weniger. Wir haben so lange daran gearbeitet und mussten jedes Mal auf einen Nenner kommen, dass es auch bei den vielleicht nicht ganz so guten Songs Stellen gibt, die ich trotzdem richtig gut finde. Vielleicht wie bei eigenen Kindern: Da möchte und kann man auch nicht sagen, dass man das eine lieber mag als das andere. Wir freuen uns zumindest brutal auf die Veröffentlichung!

Um im Bild zu bleiben: War es eine schwere Geburt?
Henning: Wir sind vor allen Dingen froh, die Platte überhaupt rausbringen und immer noch mit Genuss hören zu können. Im Herbst 2002 fingen wir bereits an, Ideen für die Songs zu sammeln. Und bei uns läuft das so: Solange noch nichts gepresst ist, wird daran rumgefummelt. Unter Vorbehalt wurde es Kitty-Yo präsentiert, wohl aber in den Wissen, nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten zu wollen. Durch den Kontakt zu Patrick [Wagner, Ex-Kitty-Yo-Chef, Surrogat-Sänger] kamen wir dann an sein neues Label Louisville Records - zum Glück. Es sind beinahe luxuriöse Verhältnisse, wenn man bedenkt, wie viel Aufmerksamkeit man uns dort schenkt und dass alle Beteiligten immer auf dem gleichen Informations- und Arbeitsstand sind.

Was ist mit eurem Label Nadel Eins?
Henning: Das existiert noch. Eigentlich wurde es nur gegründet, um unsere ersten beiden Singles „Hi Fans“ und „Ein Atom“ rauszubringen. In all den Jahren hatten wir ganz viele Ideen, neue Platten zu veröffentlichen, kamen aber bislang nicht dazu. Da kommt noch was – garantiert!

Wen wollt ihr mit eurer Musik ansprechen?
Henning: Zumindest keine spezielle Schicht oder Randgruppe. Es soll schon einen großen Trichter geben, indem wir so viele Leute wie möglich erreichen. Dieses Nischendenken mag ich gar nicht! Ich verstehe Musik auch so, dass eine überraschende Bandbreite im Geschmack dominieren sollte, also Klassik neben Electro und, äh…Mainstream-Pop.

Und die Bedeutung von Berlin?
Henning: Klar existiert eine Verbindung zum Berlin der späten Neunziger, bedingt durch die „Galerie Berlintokyo“ [Galerie, Bar] als Konzertort und Begegnungsstätte sowie unseren ganzen Werdegang. Doch im Laufe der Zeit haben wir uns einen eigenen Bereich erarbeitet und sehen uns auch losgelöst von anderen Einflüssen und aktuellen Strömungen. Das klingt zwar arrogant, entspricht aber der Wahrheit.

Wie sieht die Aufgabenverteilung innerhalb der Band aus?
Henning: Im Prinzip machen wir alles gemeinsam. Manche Songs entstammen zwar eher der Ideen eines Einzelnen, doch die meisten entstehen durch den Prozess, wenn jeder etwas Interessantes beisteuern kann. So wird alles langwierig, birgt aber auch angenehm unvorsehbare Momente. „Faul“ ist so ein Beispiel, wo aus dem Remix-Projekt von „Berlin am Meer“ [erste Single-Auskopplung des Albums] und dem Text von Franz ein ganz neues Ding entstand. Wir arbeiten zwar wie eine klassische Band, doch klingt es am Ende nicht so spontan und so direkt wie bei Live-Auftritten. Das war bei „Ding Dong“ schon genau so. Langfristig hat uns diese Aufnahme-Form eher befriedigt, weil auch die Energie eines Konzerts nicht auf eine Platte zu übertragen ist.

Geht ihr deswegen auch so viel auf Tour?
Henning: Ja, bestimmt. Ab Februar geht es wieder los, weil wir einfach gerne auftreten. Früher noch mit Schlagzeug, benutzen wir mittlerweile eher Sampler und Rhythmusspuren aus der Konserve, die aber auf der Bühne noch bearbeitet werden – wohl auch, um die tanzbaren Lieder gut rüberbringen zu können. Bass, Gitarre und Keyboard sind aber dabei, klar. Dann streben wir einen Punkt an, an dem es losgelöst von Virtuosität, Bedeutung, Struktur und Inhalt einfach nur funktioniert, sozusagen über die Kraft der Musik!

Das klingt sehr pathetisch…
Henning: …vielleicht, aber beim Spielen entstehen schon so Momente, in denen alle in die gleiche Richtung ziehen. Diese Intensität spüren dann nicht nur wir, sondern auch die Zuschauer. Bei der Aufnahme gibt es zwar Kopf- und Textentscheidungen, die rational ablaufen, und auch stumpfe oder entlarvend einfache Passagen, die auf Vernunftbasis entstanden sind - aber ein Nonsens-Kern bleibt immer, der den Hörer zum Grinsen bringen soll.