Abenteuerliches Cruisen zwischen den Genres: Jimi Tenor & Rhythm Taxi im Uebel und Gefährlich

 

Vor den Zugaben Blumen für den Dirigenten, Bandleader und Musiker in Personalunion. Ein seltenes Lächeln huscht über das Gesicht von Jimi Tenor, verlegen wirft er sie einzeln weiter ins Publikum. Einer seiner Songs, „Love And Work“, funktioniert im Hamburger Club Uebel & Gefährlich eher umgekehrt: erst die Arbeit, dann die Liebe der Zuschauer. Ein Spektakel.

Der finnische Musik-Anarchist Lassi Letho alias Jimi Tenor, benannt nach seinem Lieblingsinstrument, dem Tenorsaxofon, wird wegen seines Äußeren oft mit Andy Warhol verglichen. Legendär sein blasser Teint und die XL-Brille. An diesem Abend erweitern ein Umhang voller kleiner Spiegel sowie silbern glänzende Sandalen sein Outfit. Eine coole Sau. Optisch schon ein Hingucker, im Verhalten nicht weniger expressiv. Man muss sich das so vorstellen: Jimi Tenor verkörpert den Taxifahrer, der im Song „Love And Work“ wünscht, die Dame des Herzens auf dem Rücksitz nach Hause fahren zu dürfen. Seine siebenköpfige Band Rhythm Taxi, die ihn auf Tour begleitet, ist das zugkräftige Gefährt mit ordentlich Dampf unter der Motorhaube. Gemeinsam cruisen sie leidenschaftlich zwischen den Genres, zwischen leicht verdaulichen, hochmelodischen Easy Listening-Songs und sperrigen Klangbrocken. Ein Freigeist ohne Hemmungen, der ähnlich Helge Schneider immer einen gewissen ironischen Umgang mit Jazzstandards pflegt.

So sitzt er am Rhodes E-Piano, widmet „Strawberry Place“ all den schönen Frauen im gut besuchten Feldstraßenbunker, greift zur Querflöte und verziert den weichen, aber präzisen BigBand-Sound mit flirrenden Läufen. Dann steht er auf, spielt Saxofon, tippt seinen Nebenmann Juha Kortehisto (Posaune) vom dominanten Bläsertrio (außerdem Tero Lindberg - Flügelhorn, Jukka Eskola - Trompete) an, um auch ihn zu einem Solo zu animieren. Spontaneität und Interaktion zwischen den Musikern durchziehen das gesamte Konzert, und es wird klar: Die da oben haben Spaß - und wir hier unten auch.

Egal, wie chaotisch divergierend es auf der Bühne zugeht, irgendwann fügt sich alles wieder zusammen: Nach ausufernden Passagen mit wilden Arrangements fängt der Dompteur sie mit seiner fragilen, aber emphatischen Stimme wieder ein: „My mind is an open book for you honey, you can read me as you like“ (in „My Mind“).
Die elektronischen Spielereien vergangener Veröffentlichungen deutet Jimi Tenor nur an. Analog bekommt mittlerweile den Vortritt, vertont durch „Barcelona Sunrise“, wo Tenor eine Zeit lang lebte, oder „Beyond The Stars“, dem Titelsong des aktuellen Albums. Selbst als die ersten Basstöne „Sugardaddy“, einen seiner wenigen Hits neben „Take Me Baby“, ankündigen, vertont er den Song mit Bläsern und Percussion (Alabi Savage Ekow) statt in der ursprünglich technoiden Fassung. Trotzdem Gejohle im ausgelassen tanzenden Publikum. Am Ende will es die Band gar nicht mehr von der Bühne lassen. Meine Begleitung sagt anschließend: „Wenn Jimi einen Kopf größer wäre, würde ich ihn auf der Stelle heiraten!“ Mehr ist nicht zu sagen. Ein Großraumtaxi also für alle Mitfahrer.