Joan As Police Woman: Real life first

Text: Henrik Drüner



Neue Identitäten annehmen und mit Stereotypen hantieren, das ist die Welt von Joan Wasser. Schon der Bandname Joan As Police Woman bezieht sich auf dieses Faible. Ein Freund hatte sie gebeten, für einen Tag Angie Dickinson aus “Police Woman”, die Protagonistin einer US-Fernsehshow in den Siebzigern, darzustellen. Kein Problem für die New Yorkerin: “Ich liebe Mode. Und ich liebe es, mich zu verkleiden und Rollen zu spielen.” Kritiker betonen oft ihre charismatische Bühnenpräsenz, wegen der einst wilden Dreadlocks und der futuristischen Outfits. Aber auch abseits der Bühne demonstriert Wasser ihre Extrovertiertheit: Während des Interviews gestikuliert sie mit den Armen, verzieht affektiert das Gesicht, lässt sich ins Sofa zurückfallen, bellt Kommentare in den Raum.

Joan Wasser ist eine klassisch ausgebildete Violinistin, die schon mit Nick Cave, Lou Reed und Adam Green aufgenommen hat, bei The Dambuilders zu lokalem Ruhm gekommen ist und nun mit “Real Life” ihr Solodebüt veröffentlicht. Sie schrieb sämtliche Songs und Texte, singt und spielt Gitarre, Geige und Wurlitzer-Piano. Zur Band gehören noch Schlagzeuger Ben Perowsky (trommelte auch bei John Zorn und Roy Ayers) sowie Bassist Rainy Orteca. Es sind eindringliche, schroffe Songs und herrlich sentimentale Liebeslieder (“Eternal Flame” oder “Save Me”), geprägt von einer harmonischen Komplexität, die auf ihre klassische Ausbildung hinweist. Alles eher Schostakowitsch als Dylan: “Ich finde auch, Mahler ist dermaßen Rock’n’Roll. Oder Wagners ‘Lohengrin’. Wow!”

1997 ertrank ihr Freund, Sänger Jeff Buckley, in Memphis. Ein Wendepunkt. Mit Buckleys damaliger Band spielte Wasser beim Gedenkgottesdienst, als Black Beetle machten sie anschließend weiter. Zwei Jahre später stieg Wasser, zuerst nur als Ersatz für einen Violinisten, in die Tour-Band von Antony And The Johnsons ein, am Ende war sie festes Bandmitglied. 2004 übernahm sie schließlich Gitarren- und Gesangsparts bei Rufus Wainwright. “Es ist dermaßen herausfordernd! Als wenn du in der Brian Wilson Band oder einem Orchester spielen würdest. Eine wahnsinnige Erfahrung. Doch in der Phase habe ich gemerkt, dass ich unbedingt meine eigene Musik machen muss, auch wenn man mit so tollen Leuten unterwegs ist.” Ihre EP “Joan As Police Woman” offenbarte bereits die große Stärke: Joan Wasser besitzt eine ausdrucksstarke Gesangsstimme, die mehrere Lagen mühelos abdeckt. Meist melancholisch, aber nie Emotionen heischend. Bei der jetzigen Single “The Ride” hilft ihr Studiogast Joseph Arthur, ebenso bei “Feed The Light” und “Eternal Flame”. Eines der schönsten Stücke auf “Real Life”, das von rhythmischen Klavierakkorden geprägte “I Defy”, bereichert Antony mit seinem prägnanten Bass.

Als das Gespräch auf Cindy Sherman kommt, leuchten ihre Augen: “Du musst unbedingt mehr über sie wissen!” Mitte der 80er-Jahre setzte die Fotografin, Hauptdarstellerin und Regisseurin ihren Körper als Bildträger in Szene, indem sie nachgestellte Selbstporträts, so genannte Film-Stills, von sich anfertigte. Eine starke Frau, ähnlich Joan Wasser. Über die sagt Nathan Larson (Shudder To Think) wohl zu Recht: “She is and was magical.”

Intro-Feature #140