Juli: Zwischenstopp im Tucholsky und mit ihrer Single von Drei auf Zwei in den Charts

Die Nation ist zwiegespalten: Wie soll man mit den Bands umgehen, die 2004 im Fahrwasser des grandiosen Erfolgs von Wir Sind Helden versuchen, möglichst lange oben mit zu schwimmen? Gibt man Newcomerbands gar keine objektive Chance, ihr wahres Gesicht zu zeigen, indem sofort der Vergleich gezogen wird? Das umjubelte Konzert der Band Juli im Tucholsky 2 demonstrierte zumindest anschaulich, dass sie momentan auf der Perfekten Welle reiten.

Die Fakten sprechen für das Quintett: ausverkaufter Laden an einem Donnerstagabend, Goldene Schallplatte für die rotierende Single, zwei Vorbands (Dog Eared Pages und Tex) und gleich beim ersten Song - oder Lied, wie sich Sängerin Eva Briegel korrigiert - geht Kiel steil. Bis 2001 hießen Juli noch Sunnyglade, spielten auf Stadtfesten mit englischen Texten. Sie fanden es uncool, Deutsch zu singen. Jetzt finden sie es sicher cool - und Briegel zeigt sich verblüfft vom euphorischen Publikum: "Ich bin das ja mittlerweile gewohnt - aber nach dem ersten Lied?" Mit ihren männlichen Mitstreitern Andreas "Dedi" Herde (Bass), Jonas Pfetzing (Gitarre), Simon Triebel (Gitarre) und Marcel Römer (Schlagzeug) - alle zwischen 21 und 23 Jahren jung - widmen sich Juli dem melodiösen Gitarrenpop, im Wechsel von ruhigen und stimmungsvollen (November, Tage wie dieser) sowie rockigeren Liedern (Warum?).

Die gern wiederholte Masche beim Arrangement am Beispiel der Gitarre: Rockriffs als Einleitung, in der Strophe zurückhaltend mit zerlegten Akkorden und im Refrain das volle Brett. Das funktioniert, da Gesang und Gesamtsound klar, hell und absolut professionell abgemischt werden und das Publikum sich zwischen mitsingen (Sterne), Arme hin- und herwiegen (Tränenschwer) und auf- und abspringen (Geile Zeit) entscheiden darf. Bei letzterem stachelt die 25-jährige Briegel die Fans an: Fulda soll als bisherige Topmarke überboten werden, was die euphorische Begleitung angeht. Wie es ausgegangen ist? Klarer Punktsieg für Kiel!

Auffällig ist das Gefälle innerhalb der Band: Während die Instrumentalisten lediglich Begleitfunktion ausüben, markiert die Sängerin das Zentrum, den Dreh- und Angelpunkt.

Was noch fehlt? Sicher: Perfekte Welle, der Radiodauerbrenner, der Hit, der Höhepunkt. Zugaben? Klar, die obligatorische Feuerzeugballade beim Gesang-Gitarren-Duo, dann einmal die komplette Besetzung. Schon beinahe zu abgebrüht, aber legitim, solange die Welle nicht bricht. Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 06.11.2004