Serie „Man singt deutsch“ – Teil XY: Juli

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Juli.

Die Nation ist zwiegespalten: Wie soll man mit den Bands umgehen, die 2004 im Fahrwasser des grandiosen Erfolgs von Wir Sind Helden versuchen, möglichst lange mitzuschwimmen? Gibt man Silbermond, Wunder oder Etwas gar keine objektive Chance, ihr wahres Gesicht zu zeigen, indem sofort der Vergleich gezogen wird? Der Newcomerband Juli gelingt zumindest momentan der Ritt auf der „Perfekten Welle“, so der Titel ihrer Single, die auf Platz 5 der Singlecharts liegt. Mit ihrem Debüt-Album „Es ist Juli“ glückte sogar der Einstieg auf Platz 3 der Deutschen Albumcharts. Trotzdem: Die Hörer und Rezensenten ihres Debüts taumeln zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode gelangweilt.

Bis 2001 hieß das Gießener Quintett noch Sunnyglade, spielte auf Stadtfesten und Sängerin Eva Briegel textete auf englisch. „Noch vor ein paar Jahren fanden wir es uncool, Deutsch zu singen. Deutsche Popmusik, das wurde mit Schlager gleichgesetzt und damit hatten und haben wir nichts zu tun. Aber Bands wie Selig haben uns gezeigt, dass man durchaus auch mit deutschsprachigen Liedern anspruchsvoll sein kann. Da uns die Texte sehr wichtig sind, singe ich Deutsch. Ich will, dass bei uns nicht nur musikalisch Emotionen rüberkommen“ erklärt die 25-Jährige mit Nachdruck. Mit ihren männlichen Mitstreitern Andreas „Dedi“ Herde (Bass), Jonas Pfetzing (Gitarre), Simon Triebel (Gitarre) und Marcel Römer (Schlagzeug) - alle zwischen 21 und 23 Jahren jung - widmen sich Juli dem melodiösen Gitarrenpop, der aber nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen verkörpert. Eva: „Wir assoziieren mit Juli nicht Hochsommer. Unsere Musik ist vielmehr ein guter Soundtrack für warme Sommernächte. Wer schon mal im Sommer nachts am Meer gesessen hat, kann sicher nachvollziehen, warum wir den Monat Juli mit unserer Musik verbinden. Wir sind eine sommerliche und trotzdem melancholische Gitarrenband.“

Juli stehen sowohl für die unerträgliche Leichtigkeit des Seins als auch die herzzerreißende Wehmut einer wirklich großen Leidenschaft. Produzent Olaf Opal, der schon bei Bands wie The Notwist, Reamonn, Slut, Die Sterne, Miles oder Readymade die Regler bediente, sorgte im Studio für den warmen, analogen Sound. „Um ehrlich zu sein, unglücklich bin ich kreativer“, gibt Eva Briegel unumwunden zu. „Wenn ich zufrieden mit meiner Existenz bin, fällt mir nicht ein, worüber ich schreiben sollte.“ Solange die Welle nicht bricht, braucht sie sich darüber erst mal keine Sorgen zu machen. Henrik Drüner