Serie „Man singt deutsch“ – Teil IX: Kante.

 

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Kante.

Schon vor drei Jahren ließ sich der Verfasser dieses Textes bei der Rezension des letzten Kante-Albums „Zweilicht“ zu folgenden Zeilen hinreißen: „Selten kam mir Zeit so lang vor. Und selten so kurz. Für den Augenblick denkt man, eins zu sein mit der Musik. Es packt dich, du musst dich setzen, fühlst dich benommen, das Auge vergisst zu fokussieren. Die Worte tragen dich in menschliche Abgründe, Regen prasselt an die Scheibe, du bist Mensch. Vergangenheit ist Zukunft ist Gegenwart. Die Welt liegt im Zweilicht.“ So tiefschürfend und voller schwelgerischer Befindlichkeiten, und doch so wahr.

Für Hörer, die ein genreübergreifendes, universelles Interesse an Musik zeigen, gab es wieder eine deutsche Band, die die Kombination aus Wort und Ton derart perfekt auf Albumlänge umzusetzen vermochte; zusätzlich noch bereichert durch „Die Summe der einzelnen Teile“, die Single-Hymne, bei der es um die Musik und das Gefühl geht, dass eine Band eben mehr sein sollte als eine Zweckgemeinschaft zur gemeinsamen Tonerzeugung. Das Hamburger Quintett, bestehend aus Andreas Krane (Bass), Felix Müller (Gitarre), Thomas Leboeg (Klavier), Peter Thiessen (Sänger und Songschreiber, bis 2002 Bassist bei Blumfeld) sowie Schlagzeuger Sebastian Vogel, veröffentlichte nach dem Debüt „Zwischen den Orten“ (1997) und dem Nachfolger „Zweilicht“ auch das aktuelle Werk „Zombi“ beim Berliner Label Kitty-Yo.

Stetig erweiterte sich das musikalische Bezugsfeld der Band, mäandrierte in Richtung Pop, Blues und Jazz bis hin zu elektronischer Musik. Bläser, Streichorchester und ein Chor sind zu hören, obgleich Gesang und Texte eine zentrale Stellung einnehmen. Thiessen: „Die Dinge, über die ich schreibe, sind natürlich zum großen Teil Dinge, die mir sehr nah sind. Aber ich glaube, dass das eigentlich allen so ähnlich geht, dass alle auch die „dunklen“ Gefühle kennen, die Situationen, in denen einem alles ausweglos vorkommt. Und dass das nicht nur aus einem selbst herauskommt, sondern vor allem Resultat der herrschenden Verhältnisse ist.“ Produzent Tobias Levin gilt der Verdienst - trotz Songlängen von teilweise zehn Minuten -, diesen Brocken verbraucherfreundlich gestaltet zu haben. Musik zum Zuhören, Musik zum Fallenlassen. Henrik Drüner

aktuelles Album „Zombi“ (Labels/EMI)