Kaptain Sun war auf Durchreise im Vinyl

 

Es ist der Gang einer jeden Band, die beschließt, mehr als nur lokalen Erfolg einzuheimsen: das knallharte Stahlbad einer ersten Europa-Tournee als Headliner. Ohne Vorband, ohne Fallnetz, aber mit Enthusiasmus. Die schwedische Band Kaptain Sun führte es als erste Station auch ins Kieler Vinyl. Also frisch von der Fähre aufs Festland, mit dem Truck vor den Laden, kurzer Soundcheck und 90 Minuten Vollgas.

Bis nach Wien und Gent soll es für das Quartett Andy Wong (Gesang und Gitarre), Richard Gustafsson (Bass), Andrey (Sologitarre) und Marcus Hamrin am Schlagzeug gehen, im Gepäck das in der Fachpresse gefeierte Debüt "Rainbowride". Stilistisch setzten Kaptain Sun auf selbsternannten Death'n'Roll, einer Kreuzung aus Death Metal und Rock'n'Roll, also nichts für Zartbesaitete. Immerhin neun zahlende Zuschauer fanden angesichts der mangelnden Werbung im Vorfeld den Weg ins Vinyl - und die hatten ihre Freude an dem Groove der Siebziger, Heavy Metal der Achtziger und der Härte der Neunziger: Die Songs demonstrierten geballte Kraft und eine gehörige Portion Eingängigkeit dank der bewährten Rock-Riffs von Frontmann Wong.

Mit seiner tiefen, rauen Stimme erinnerte dieser stark an Sepultura oder Machine Head, weshalb trotz Songtiteln wie Invisible Dragons oder Cosmic Magic from the Doomed Planets Below der Kitsch-Faktor der Melodien gegen Null tendierte. Stattdessen pflügten die Jungs breitbeinig im Ausfallschritt durch ihr Programm, lieferten sich die Gitarren terzverschoben rasante Duelle, feierte Andrey sich, seine Gitarre und die ausschweifenden Soli Marke {sbquo}Eddie Van Halen bei "Billy Jean"', während Schlagzeuger Hamrin im Muskelshirt als einziger die einst genre-typische Matte trug und die Double Bass-Maschine malträtierte. Zwei Zuhörer zeigten dazu vollen Einsatz im Moshpit über die gesamte Spiellänge - Respekt! Bei aller musikalischen Aggression gaben sich die Schweden jedoch in den Ansagen sehr freundlich und gewährten auch den Wunsch nach drei Zugaben, damit der später eintreffende Fotograf noch einmal die ganze Palette an Metal-Klischees ablichten konnte. Denn so richtig böse Jungs sind Kaptain Sun wohl gar nicht: privat hört Wong beispielsweise The Smiths, Curtis Mayfield oder Isaac Hayes.

Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 10.11.2004