Kettcar auf der delta radio-Bühne in der Halle400 - Ohne große Geste Gänsehaut

Von Henrik Drüner

 

„Befindlichkeitsfixiert“ sagen die einen, „der schönste Ausdruck starker Gefühle“ die anderen. Tatsache ist, dass Kettcar nicht erst seit dem Album „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ zu den zugkräftigsten deutschen Indiebands zählen und diesen Status auch beim Konzert in der Halle400 untermauern können.

Bassist Reimer Bustorff zeigt sich überrascht, dass „trotz des Wetters und Konkurrenz wie Mike Krüger so viele den Weg in die Halle gefunden haben“ - angesichts der derzeitigen Medienpräsenz und der Resonanz beim letzten Konzert in der Pumpe klingt das allerdings eher nach Understatement. Die Hamburger um Sänger und Gitarrist Marcus Wiebusch haben den Mut zur großen Geste, ziehen aber keine Show ab. Sie sind, wie sie sind, sie spielen, was sie können - und das reicht, um alles zwischen Pogen und Gänsehaut kriegen zu durchleben. Wegen der aktuellen deutschsprachigen Welle werden Kettcar oft mit Juli, Silbermond und dergleichen verglichen beziehungsweise von ihnen abgegrenzt - aber das hier ist zum Glück eine ganz andere Baustelle. Es ist die Abwesenheit von Mode, die Abwesenheit von Sexyness. Stattdessen kommen immer wieder Begriffe wie "authentisch", "ehrlich" oder "unprätentiös" in Umlauf, um die Popularität der Band zu erklären.

Die instrumentale Funktion von Bustorff, Lars Wiebusch (Tasten), Erik Langer (Gitarre) und Frank Tirado Rosales am Schlagzeug ist dabei zweitrangig. Klar, die melodischen Gitarrenlinien und Keyboard-Streicher von „Wäre er echt“, „Im Taxi weinen“ oder „Balkon gegenüber“ geben harmonischen Halt, aber vielmehr liegt das Gewicht auf der poesiehaften Textseligkeit und deren Einbettung in die Arrangements der Songs. Mit emphatischer Begeisterung werden die Zeilen vom Publikum mitgesungen, man hängt geradezu an Wiebuschs Lippen. Bei „Landungsbrücken raus“, „Deiche“ oder „Handyfeuerzeug gratis dazu“ aus dem aktuellen Album sind die Hände oben, erwachsene Männer mit tränenfeuchten Augen intonieren „Mach immer was dein Herz dir sagt/Da muss viel mehr Weisheit in mich rein/Und ich weiß genau dein Herz ist gut/Und weiß ganz genau meins wird zu Stein“ (aus „48 Stunden“). Wiebusch singt in dem schüchternen Dreiminuten-Popsong über die Liebe und Trennung einer Fernbeziehung, und kommt dafür, dass er zu dem Text keinerlei persönliche Verbindung pflegt, sehr glaubhaft rüber.

Kettcar werden zwangsläufig gnadenlos ausgeklatscht und verschieben den Feierabend nach hinten. Viele der Ersthörer, die im Vorfeld mitbekommen haben, dass hier eine deutschsprachige Band den verdienten Durchbruch geschafft hat, kommen zum Konzert im Oktober wieder - als Fans.

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