Serie „Man singt deutsch“ – Teil 10: Kettcar

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Kettcar.


Wenn Bandleader Marcus Wiebusch, Sänger und Gitarrist bei Kettcar, über die Entstehung des Debütalbums „Du und wieviel von Deinen Freunden“ (Grand Hotel Van Cleef) im Herbst 2002 spricht, dann klingen eine Menge Altlasten in seinen Worten mit: „Die Platte entstand in einer Phase meines Lebens, in der ich sehr unglücklich war. Meine fünfjährige Beziehung war im Arsch, mit beiden Bands [Rantanplan und ...But Alive, Anm. d. Verf.], in die man jahrelang so gut wie alles investiert hatte, war Schluss, mein Studium habe ich gehasst. Ich stand also gleich in dreierlei Hinsicht vor den Nichts. Und in der Zeit habe ich dann eben die Songs geschrieben. Aber ich habe auch versucht, zwischen all der Trauer immer so was wie ein Licht mit einzubauen. Wir sind als Band auch nicht so die Trauerklöße.“ Man merkt dem Album somit seine Entstehungsgeschichte an, die von Schmerz und Verlust gekennzeichnet ist und Punkte im Koordinatensystem 'Leben' anspricht, die sich auf einmal verschieben und eine Neuorientierung erfordern. Und typisch für die Hamburger sind diese Tiefpunkte somit gleichzeitig eine Chance zum Aufraffen und Aufstehen - eine Atmosphäre, die das gesamte Album irgendwo zwischen Fröhlichkeit und Melancholie ansiedeln lässt und die sich lebendig anfühlt.

2001 ergänzten sich Wiebusch und Frank Tirado-Rosales (Schlagzeug) von …But Alive mit Erik Langer (Gitarre), Lars Wiebusch (Orgel) und Reimer Bustorff (Bass) zu Kettcar. Warum die Loslösung vom Punk? „Ich war ein zorniger junger Mensch und habe diese schnelle, harte Musik geliebt, genauso wie den Ausdruck und das alles, was dahinter steckt. Nur heute, mit meinen 34 Jahren, bin ich nicht mehr derselbe, der ich damals war“, so Wiebusch. Geblieben sind aus diesen Tagen die simplen Arrangements der Songs und die Texte vom alltäglichen Daseinskampf, die man direkt in Briefen oder Tagebucheinträgen weiterverwenden könnte: „Es ist auch nur die Angst, die bellt, wenn ein Königreich zerfällt in ziemlich genau zwei gleich grosse Teile“ (aus „Im Taxi weinen“) oder „Wollt ich leben und sterben wie ein Toastbrot im Regen?“ (aus „Landungsbrücken raus“). Mit ihrer emotionalen Mixtur überträgt das Quintett das Beste von Punk in die Welt des Pop, sagt 'Nein' zum Seelenstriptease, aber 'Ja' zur großen Geste. Für viele Hörer spiegelt diese Platte ein ganz persönliches Lebensgefühl wider – und es sind Platten wie diese, die auch Jahre später nicht in ihrer Wirkung nachlassen. Henrik Drüner


17.September, Kamp (Bielefeld)