Serie „Man singt deutsch“ – Teil XVIII: Klee

 

Vor mehr als 20 Jahren rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena, Spliff und Peter Schilling an unsere Ohren. Es folgten die Abkehr und eine große Entfremdung im Pop gegenüber der eigenen Sprache. Mittlerweile drücken sich deutsche Bands wieder vermehrt in ihrer Muttersprache aus und stoßen mit frechen Sounds und Texten bis in die Charts vor. „Die Glocke“ stellt sie in loser Reihe vor. Heute: Klee.

„Jelängerjelieber“ ist nicht nur der Titel des zweiten Klee-Albums, sondern auch die umgangssprachliche Bezeichnung für Geißblatt: eine Pflanze, deren betörender Duft in der Naturheilkunde genutzt wird, um Menschen, die sich mit nostalgischen Gefühlen an der Vergangenheit klammern, das Leben in der Gegenwart zu erleichtern. So bilden Schönheit und Romantik die stärksten künstlerischen Merkmale des Kölner Trios.

Seit Mitte der Neunziger suchen Suzie Kerstgens, Tom Deininger und Sten Servaes gemeinsam nach dem perfekten Popsong. Zuerst spielten sie in der Band Ralley, mit der sie demonstrierten, dass deutschsprachige Musik unbeschwert, frisch und filigran sein kann. Vor zwei Jahren folgte die Umbenennung in Klee, da die musikalischen Veränderungen eine neue Verortung verlangten. Mit „Unverwundbar“ veröffentlichte das Trio ihr Debütalbum, das sie ungebrochen romantisch und melodieverliebt zeigte. Suzie: „Einen Anspruch, den wir stellen, ist, dass unsere Musik ein Stück Privatheit enthält. Die Songs dokumentieren unsere eigene Sicht auf uns selbst und die Welt. Wir versuchen, durch unsere Musik eine Gefühlswelt darzustellen, hörbar zu machen. Entweder man wird davon angesprochen oder halt nicht. Das können ganz unterschiedliche Leute sein - und genau das ist das Interessante an der ganzen Sache.“

Auf „Jelängerjelieber” (Ministry Of Sound/edel) achten Klee beim Songwriting auf Klarheit und Transparenz und vertrauen weniger auf Effekte und Schnörkeleien – wenngleich Suzies süßer Gesang stark mit Hall belegt wird. Klares Plus: Klee nerven nicht, weder mit den Songtexten noch mit den eingängigen Arrangements. „Für alle, die“ oder „2 Fragen“ beispielsweise steht für feinsten Gitarrenpop. Im Studio halfen zum einen Daniel Klingen (Schlagzeug) und Christoph Schneider (Bass) aus, die auch zur Live-Band gehören. Zum anderen kamen bekannte Musikerkollegen wie Tom Liwa, der zwei Songtexte schrieb, Nina Hagen, Markus Berges (Erdmöbel) und das Trio von Angelika Express zu willkommenen Kurzeinsätzen. Abgemischt wurden die Songs von Peter Schmidt (Beatsteaks, Blumfeld, Rosenstolz) und Jem (Angelika Express, Virginia Jetzt!), die zu den wohl besten Toningenieuren des Landes zählen.

Von Kurt Tucholsky gibt es ein Buch, das ebenfalls „Jelängerjelieber“ heißt. Es trägt den Untertitel „Von der Liebe, den Frauen und anderen Entzückungen“: ein Themenfeld, das auch Klee mit ihrem neuen Album auf schönste Art und Weise abdecken. Henrik Drüner