Kolkhorst in der Schaubude - Genussvolle Regelbrüche mit System

Von Henrik Drüner

Kai-Uwe Kolkhorst ist mit dem Zug nach Kiel gekommen: ein großer Koffer in der linken Hand (Gitarre), ein kleiner in der rechten (Drumcomputer). Viel mehr Gepäck braucht er nicht als Handlungsreisender in Sachen Musik. Die Band Besser, bei denen Kolkhorst ansonsten singt und Gitarre spielt, lässt er in letzter Zeit oft allein zurück in Lüneburg - sein Soloalbum „Pizza Amore“ auf Tapete Records muss unter die Leute gebracht werden.

Beim Konzert in der Schaubude zeigt der Halbitaliener beziehungsweise Halbnorddeutsche, was er an Kiel schätzt: Die Zuschauer sitzen einfach rum und genießen. Denn genau so verbringe er die meisten Tage - aber jetzt müsse er auf der Bühne stehen. Und er liefert eine unperfekte Show ab, dass es eine Freude ist: Einsätze an Gitarre und Mikro werden verpasst, Akkorde versemmelt, das Schlagzeug per Knopfdruck abgebrochen, die Ansagen geraten zu konfusen Anekdotensammlungen. So klappt auch der erste Song „Bon Jour“ mit französischem Text, knalligen Beats und verzerrter Gitarre erst im vierten Anlauf.

Aber irgendwie passt das alles zusammen: Kolkhorst hat Regeln gelernt, um sie zu brechen; er hat zugehört, um zu widersprechen. In den IndiePop-Songs mit elektronischem Unterbau trifft das Nachdenkliche auf das Temperamentvolle, reduziert auf das Wesentliche, damit nur die Essenz übrig bleibt. In dem kleinen Hit „Mensch ärgere dich nicht” findet er dafür die Worte: „Ich drehe mich innerlich/ Und spiele nicht mehr gegen mich: Mensch ärgere dich nicht“. Der stoisch-blutarme Beat des Drumcomputers steht dabei im krassen Gegensatz zu den Befindlichkeiten der Texte, in denen es beispielsweise um die Austauschbarkeit von Menschen geht: Man sei einsam, egal, mit wem.

Kolkhorst verkörpert den sympathischen Verlierertyp, der über Schulwettkämpfe („Ich weiß, dass ich niemals Erster war/ Doch das war meistens vor dem Start schon klar/ Ich wollte nicht allein im Ziel sein“) ebenso singt wie über Zwischenmenschliches („Du bist immer so enttäuscht/ Wenn du merkst/ Dass ich auch nur ein Mensch bin”). Darüber hinaus hat er alles Beiläufige über Bord geworfen, bis auf ein paar Referenzen aus den Achtzigern. Visage’s „Fade To Grey“ beispielsweise in der deutschen Version, Text-Schnipsel von Bronski Beat’s „Small Town Boy“ oder seine Falco-Verehrung bei „Einzelhaft“ und anschließendem „Der Kommissar“ mit perfektem Schmäh. Einige Stücke sind Live-Premieren, die erst auf das nächste Kolkhorst-Album kommen. Die Zuschauer nehmen sie wohlwollend auf wie das übrige Programm: Sie sitzen einfach rum und genießen.